Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


30. September 2008

Beiträge in den nächsten Wochen bis Weihnachten

 Alle zehn Beiträge und Zusammenfassungen zum Bildungskurs an der VHs Neckargemünd erscheinen hier Trollologenavatar www.einspruch.orgzusätzlich als reguläre Beiträge für alle. Diese Texte können ebenfalls als PDF-Version unter Bildungsmaterialien geladen werden.

Dazu kommen bis Weihnachten weiter Beiträge zur Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsethik, die eine alltagsphilosophische Relevanz besitzen.Finanzkrise - googlebild Ich hatte hier schon auf Heiner Flassbecks und Friederike Spieckers Buch zum „Ende der Massenarbeitslosigkeit“ hingewiesen.

Beginnen werden wir mit Darstellungen der wirtschaftsethischen Positionen von Peter Ulrich („Integrative Wirtschaftsethik“) und Karl-Heinz Brodbeck („Buddhistische Wirtschaftsethik“). In diesem Kontext können auch bestimmte Begriffe wie „neoliberal“, die sehr den öffentlichen Diskurs bestimmen, verlässlich geklärt werden. Die praktisch-wirtschaftspolitische Position von Flassbeck/Spiecker lässt sich vor diesem Hintergrund klarer profilieren.

Ein weiterer Schwerpunkt wird auf der religionsphilosophischen Erfassung des Buddhismus liegen, hierzu werde ich ein weiteres Buch von Karl-Heinz Brodbeck besprechen, dazu kommt das gemeinsam von Wolf Singer und Matthieu Ricard verfasste Büchlein „Hirnforschung und Meditation“. Mit einer Rezension des neuen Buchs von Thomas Fuchs über „Leib und Lebenswelt. Neue philosophisch-psychiatrische Essays“ werden wir dieses Jahr hier beschließen.

 

Der Kurs in Neckargemünd hat zehn Abende:

(1)    06.10.   Kennenlernen, Kursplan, einleitende Texte

(2)    13.10.   Texte zum Bildungsverständnis

(3)    20.10.   Bildung – Armut, Aufstieg: die philanthropische Pädagogik

(4)    27.10.   Fantasie und Bildungshorizont, Schleiermachers Kritik

(5)    03.11.   Bildung und Universalität – Schleiermachers und Humboldts Entwurf

(6)    10.11.   Berufliche Bildung – die Einführung der Berufsschule

(7)    17.11.   Allgemeinbildung und Spezialbildung

(8)    24.11.   Das Problem der PISA-Studien

(9)    01.12.   Erwachsenenbildung

(10) 08.12    Offene Fragen, Zusammenfassung

Der Kurs kann hier verfolgt und durch Kommentare bzw. eigene Beiträge bereichert werden.

 

Einige Texte zur Einstimmung, um bestimmte Aspekte des Themas erfassen zu können:

 

Derek Bok googlebilder“Wenn Du denkst, Bildung ist zu teuer, versuch’s mit Dummheit.” (Derek Bok, Präs. a. D. der Harvard-Universität – Motto der VHs Neckargemünd)

 

„… das heißt …, dass Jugendliche am Ende der Schulzeit ein ordentliches Fundament haben müssen, um eine qualifizierte Ausbildung anzuschließen. Natürlich darf Kindheit nicht nur Druck sein, natürlich soll die Schulzeit auch Spaß machen. Allerdings erschöpft sich Schule nicht nur im Spaß. Bundesministerin Annette Schavan googlebilderSchule heißt auch Anstrengung, Leistungswille … Ich gehörte zu einem Jahrgang, der schon nach zwölf Jahren Abitur gemacht hat, und ich kann nicht sagen, dass mir das geschadet hat. Mir hat die Schule Horizonte eröffnet und Dinge möglich gemacht, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Natürlich hat es Tage gegeben, an denen ich das Gefühl hatte, den Ansprüchen nicht zu genügen. Aber auch das ist eine elementare Erfahrung der Schulzeit: Sie lässt einen neben seinen Stärken seine Schwächen entdecken.“ (Bundesministerin Annette Schavan, in: Der Spiegel 9/2008, 38)

 

„Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Wissen ist heute die wichtigste Ressource in unserem rohstoffarmen Land. Wissen können wir aber nur durch Bildung erschließen. Roman Herzog googlebilderWer sich den höchsten Lebensstandard, das beste Sozialsystem und den aufwendigsten Umweltschutz leisten will, der muss auch das beste Bildungssystem haben.

Außerdem ist Bildung ein unverzichtbares Mittel des sozialen Ausgleichs. Bildung ist der Schlüssel zum Arbeitsmarkt und noch immer die beste Prophylaxe gegen Arbeitslosigkeit. Sie hält die Mechanismen des sozialen Auf- und Abstiegs offen und hält damit unsere offenen Gesellschaften in Bewegung. Und sie ist zugleich das Lebenselixier der Demokratie in einer Welt, die immer komplexer wird, in der kulturelle Identitäten zu verschwimmen drohen und das Überschreiten der Grenzen zu anderen Kulturen zur Selbstverständlichkeit wird.“ (Roman Herzog, Bundespräsident a. D.)

 

„Mehr und mehr wird mir bewusst, welche eine gewaltige Rolle der Zufall in meinem Leben spielt … Es wird der Tag kommen, wo ich mich schließlich stellen muss. In diesem Augenblick graut es mir vor den wichtigen Entscheidungen, die auf mich zukommen, welches College? Was für ein Beruf? ISchriftstellerin Sylvia Plath googlebilderch habe Angst. Ich bin unsicher. Was ist das Beste für mich? Was will ich? Ich weiß es nicht. Ich liebe die Freiheit. Einengung und Beschränkung sind mir zuwider [...] Oh, ich liebe das Jetzt, trotz aller meiner Ängste und Vorahnungen, denn jetzt bin ich noch nicht endgültig geformt. Mein Leben fängt erst noch an. Ich bin stark. Ich sehne mich nach einer Sache, der ich meine Kräfte widmen kann …“ (Silvia Plath, Briefe nach Hause, 1950-1963, 1981).

29. September 2008

Demokratisierungsschub

taztitelbild.jpg

Die taz fasst es heute gut zusammen, eine Phase vorsintflutlicher, teilweise hart an der Verfassungswidrigkeit operierender Zustände hat mutmaßlich gestern ihr Ende in Bayern gefunden.

28. September 2008

Freiheit und Phänomen

Jean-Paul Sartre gehört zu den schärfsten Kritikern des Determinismus im 20. Jahrhundert. Damit ist gemeint, dass alle Ereignisse unseres Erlebens und Handelns einer Sartre googlebildselbstbestimmten, freien Aktivität des einzelnen Menschen entzogen sind. Soziale Strukturen und Muster, biotische Vorgänge oder psychodynamische Tiefendimensionen legen die Ereignisse unseres Erlebens und Handelns fest. Sartre identifiziert u. a. die Wissenschaften als Hervorbringerinnen solcher Determinismen. Er setzt demgegenüber die phänomenologische Beobachtung, wir erleben uns anders. Seine Bewusstseinsphilosophie ist der strenge Versuch, dies auch zu zeigen.

Als Einwand gegen seine Argumentation mit dem Röntgenbild seiner Wirbelsäule,Röntgenbild googlebild er könne diese Darstellung nicht als seine eigene Wirbelsäule erfassen, wurden Biofeedback-Erfahrungen angeführt, bei denen durch Visualisierung bestimmter interner Aufnahmen entsprechende Zustände verändert werden können. Hier liegt möglicherweise eine offene Flanke seiner bewusstseinsphilosophischen Argumentationen, die dann semiotisch (zeichentheoretisch) aufgefangen bzw. geschlossen werden müsste.

Das Freiheitsverständnis Sartres ist radikal, es unterstellt, wir legten in unseren alltäglichen Selbstfestlegungen auch die anderen fest – und entfaltet so ein Pathos der ganzen Verantwortlichkeit. Hier geht die Diskussion stets darum, ob

·        wir davon nicht überfordert werden – oder

·        ob es einen solchen Gesamtzusammenhang überhaupt gibt.

Jedenfalls für ethische Sachverhalte ist Sartre auch im Sinne Kants Recht zu geben, zumindest müssen wir unterstellen, dass unsere Handlungen so beschaffen sein müssen, dass die anderen Menschen darin mit eingeschlossen sind. Nur so können deren Interessen berücksichtigt werden. Selbst wenn wir den Gesamtzusammenhang nicht sicher erkennen und beschreiben können, müssen wir ihn sittlich unterstellen. Daraus resultiert die anspruchsvolle Position der modernen Philosophie seit Kant, die nach Peirce dann auch Sartre fortsetzt.

Sartre sieht die Revolution gegen Verhältnisse vor, die den Menschenrechten nicht entsprechen, hier wird seine Philosophie praktisch manchmal uneindeutig. Allerdings lassen sich Paradoxien hier nie vermeiden, moderne Ethiken müssen stets Konfliktethiken sein.

22. September 2008

Von Karl Marx zu Jean-Paul Sartre

Der Text aus den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten zeigt sehr deutlich, dass Marx sowohl an den Menschenrechten als auch an der Selbstbestimmung des einzelnen Menschen orientiert war. Dies wurde theoretisch gewiss durch deterministische Züge seiner Theorie durchkreuzt. Seine Entfremdungstheorie der Arbeit bzw. des Arbeitsproduktes hebt hervor, dass er eine Spontaneitätsauffassung des einzelnen Menschen bevorzugte. Doch die spontane Selbstbestimmung wird dem Arbeiter vom Kapitalisten geraubt, der Arbeiter ist von seinen kreativen Fähigkeiten entfremdet.

Die Parallele des Textes aus der Hegelschen Rechtsphilosophie mit den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten legt offen, dass der entfremdete Mensch seiner Produktivität und Kreativität nicht ganz verlustig geht, wohl aber sie als “Protestation” an die Religion verschleudert.

In der Diskussion der Thesen Marx’ wurde mit Recht erwogen, ob eine aktuelle Parallele hierzu nicht in der Grundeinkommensidee von Götz Werner liege.

Sartre kennt die Probleme der Marxschen Theorie und ihrer orthodox-kommunistischen Rezeption schon. So sehr Sartre faktisch politisch Jean-Paul SartreKompromisse eingegangen ist, so wenig übersieht er die gedanklichen Mängel dieser orthodoxen Auffassung. Man kann an sich nicht zur Revolution aufrufen, wenn alles ohnehin geschichtlich determiniert ist.

Daher ist eines seiner Hauptthemen die Philosophie der Freiheit, der Selbstbestimmung, des je unvertretbaren eigenen Entwurfs. Darin spiegelt sich die Marxsche Option, aber sie wird präziser. Die Revolutionäre vollziehen nicht die geschichtliche Notwendigkeit, sondern bestimmen sich selbst und die Anderen neu. Die Selbstwahl und die Wahl der Anderen fällt – dem kategorischen Imperativ Kants vergleichbar – zusammen. Insofern ist die Selbstwahl, der Entwurf hoch engagiert, er ist ganz verantwortlich. Der je individuelle Alltag entscheidet über die Bestimmung aller Menschen.

Sartres Philosophie ist auch heute noch attraktiv, weil wir im Moment wieder eine Phase erleben, in der aus verschiedenen Perspektiven der Mensch als regelförmiges oder gesetzmäßiges Wesen erklärt wird, etwa aus seinen neuronalen Prozessen. Demgegenüber setzt Sartre eine konsequente Phänomenologie des eigenen Erlebens und Handelns, die tatsächlich sachhaltig ist.

19. September 2008

Ist der Islam keine “normale” Religion?

Kritische Bemerkungen zu einer Kampagne

Junge Freiheit-Kampagne gegen Islam

Pünktlich zum “Antiislamisierungskongress” rechter Menschen in Köln, der sich an der inzwischen genehmigten neuen Kölner Moschee entzündet, gibt es in rechten Medien Bewegung, auch in Internetforen zeigt sich entsprechend eine strategische Orientierung. Dieses Thema soll für rechten Einfluss genutzt werden.

InJunge Freiheit der Folge ist nur von einem Artikel der Zeitschrift “Junge Freiheit” die Rede, in der sich Rechtsintellektuelle ein Stelldichein geben. Der Autor dieses Artikels ist Kurt Zach. Der Artikel erhellt wesentliche Grundzüge des rechten gedanklichen Programms. Und eine an den Errungenschaften der klassischen und aufklärerischen Philosophie orientierte Alltagsphilosophie überprüft den argumentativen Gehalt. Derartige Debatten werden nicht selten mit Empörung, wechselseitigen Verunglimpfungen geführt. Dies führt nach meinem Eindruck nicht weiter. Das Auftreten stärkerer islamischer Bevölkerungsteile etwa in Deutschland und Frankreich lässt kulturelle Unterschiede hervortreten, die typische Probleme nach sich ziehen. Die Bundesregierung hat entsprechende Konsequenzen gezogen und will die verschiedenen muslimischen Gruppen dazu bewegen, das Religionsstaatsrecht der Bundesrepublik zu akzeptieren. Dieses sieht vor, dass Religionen mit einer entsprechenden Gewähr auf Dauerhaftigkeit und Breite sich als Körperschaft des Öffentlichen Rechts organisieren können. Die subsidiäre Struktur des Grundgesetzes ermöglicht darüber hinaus verschiedenste zivilgesellschaftliche Aktionen solcher Körperschaften des Öffentlichen Rechts.

Da die CDU/CSU diese Politik mitträgt, ist politisch rechts eine Lücke frei geworden, in welche stark rechts orientierte Publikationsorgane wie die “Junge Freiheit” stoßen. Das tatsächliche Problem der Fremdheit ist unübersehbar, bei Veranstaltungen zum Thema “Islam”, die ich halte, ist häufig diese Fremdheit, das Befremden, auch eine Angst zu spüren.

Vom Grundgesetz her ist die Frage völlig klar: Möchten sich die muslimischen Gruppen in das Religionsstaatsrecht der Bundesrepublik einbeziehen lassen, dann sind sie den entsprechenden christlichen Kirchen und der Jüdischen Gemeinde gleichgestellt. Dazu gehört z. B. muslimischer Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen.

Das Problem ist deshalb brisant, weil die Anpassungsprozesse in westeuropäischen Gesellschaften in eine Zeit fallen, in welcher der wahhabitische Terrorismus von Al Kaida eine Realität darstellt. Nun sind aber nicht alle Wahabiten Terroristen und keineswegs alle Muslime Wahhabiten.

Diese einfache Schlussfolgerung ist offenbar für einige Menschen in der Debatte schon oft zu viel, deshalb hat sich auch bei manchen Politiker/innen die einfache Formel durchgesetzt, dass “der Islam totalitär” sei. Dies nutzen dann rechte publizistische Organe, um sich selbst gegenüber ihren Verstrickungen in den rechten Totalitarismus im 20. Jahrhundert absetzen zu können: “Wenn wir jetzt den Islam als Totalitarismus haben, dann ist der Totalitarismus der Nationalsozialisten nicht mehr so schlimm, wir haben neben den linken Totalitären nun auch einen Ersatz für das ach so geliebte Judentum und können auf den Islam einschlagen! Wir selbst stehen dann exkulpiert da…” Eine Zeitschrift wie die “Junge Freiheit” hat eine solche Strategie möglicherweise nötig, weil es bekannt ist, dass ein wichtiger juristischer Wegbegleiter der Nationalsozialisten, einer der einflussreichen Vertreter der konservativen Revolution,Carl Schmitt - Googlebilder Carl Schmitt, dort große Sympathien genießt. Es ist in diesen Fragen immer fahrlässig, diese neue Art von rechtem Intellektuellentum eindeutig dem Nationalsozialismus oder neonazistischen Tendenzen zuzuweisen. Aber es ist völlig klar, dass Carl Schmitt alles andere als ein Demokrat war – und seine Staatstheorie ist antidemokratisch. Daher ist bei Intellektuellen, die sich positiv auf ihn beziehen, stets mit einer autoritären, undemokratischen Pointe zu rechnen. Das ist bei Armin Mohler - Googlebildereinem der wichtigen Initiatoren der “Jungen Freiheit“, Armin Mohler, zweifellos der Fall. Man spricht bei derartigen Menschen von “Rechtskonservativen”, ein Begriff, der etwas an Schärfe missen lässt.

Es handelt sich um Verunsicherte, denen die moderne Fluktuation der Gesellschaft, dass wirklich alles zu fließen scheint, zu viel abverlangt. Folglich müssen feste vorgegebene “Werte” her, Orientierungspunkte usf., ganz klar eine vormoderne, traditionalistische Form der Sittlichkeit. Denn spätestens seit der Aufklärung ist klar, dass die Sittlichkeit einer Gesellschaft zwischen den sich selbst bestimmenden Individuen ausgehandelt werden muss, wobei die Interessen aller Individuen berücksichtigt werden müssen.

Dem Autor Kurt Zach erscheint nun der Islam nicht als “normale” oder gewöhnliche Religionwobei er durchgehend unterstellt, der Islam sei wesentlich “fundamentalistisch”.

Wenn der Islam eine ganz gewöhnliche Religion wäre, dann könnte man in der Tat nur den Kopf schütteln über Bürgerproteste gegen landauf, landab aus dem Boden schießende Moscheen und Minarette und über das verbreitete Befremden angesichts der rasanten Vermehrung der Kopftuchträgerinnen, die das Straßenbild unserer Städte radikal umkrempeln. Dann müsste sich auch niemand über einen internationalen Anti-Islamisierungs-Kongress in der Domstadt Köln aufregen. Man könnte sich an Lessings Ringparabel ergötzen und im Übrigen Gott oder Allah einen guten Mann sein lassen.

Zach formuliert die Fremdheitserfahrung nicht zuletzt anhand anatolischer muslimischer Frauen, aber auch junger Frauen, die eine offensive muslimische Identität durch das Tragen eines Kopftuchs symbolisieren, gleichwohl einen akademischen Berufswunsch hegen und an Universitäten studieren. Aber hinter diesen Kopftuchträgerinnen steckt der totalitäre Anspruch jener nicht “normalen” Religion:

Der Islam ist – jedenfalls für Fundamentalisten, die seine Grundlagen und Lehren ernst und wörtlich nehmen – eine Weltanschauung mit Totalitätsanspruch. Er will das letzte Wort im geistigen, religiösen, politischen und privaten Leben haben.

Bei einer solchen Behauptung wären an sich beachtliche Mengen an Belegen nötig. Mich erstaunt bei Debatten dieser Art nicht selten, wie  eine Religion, die heute etwa zwei Milliarden Anhänger/innen hat, in ganz verschiedenen Weltgegenden auftritt und seit ihrem Anfang konfessionell gespalten ist, so schlicht vereinheitlicht werden kann. Das ist im Blick auf das Christentum so, als ob man bestimmte Formen des brasilianischen Katholizismus mit der pietistischen Frömmigkeit in einigen Gegenden Württembergs völlig gleichsetzte. Es fehlt jede Differenzierung des türkischen Islam, Zach schweigt über die muslimische Mystik, von den Spannungen in der schiitischen Variante des Islam, die etwa im Iran auch um das Problem der Menschenrechte (und damit auch der Rechte der Frauen) geht, lesen wir nichts, obgleich in Deutschland durchaus Schiitinnen auf der Straße zu sehen sind.

Die Sprache Zachs ist recht militärisch geprägt. Die Präsenz der Muslim/inn/e/n in Deutschland sei ein “Zeichen der Landnahme”, Deutschland wird okkupiert, besetzt. Menschen wie der Autor dieses Blog-Textes sind “Quislinge”, also im Kern faschistische Vaterlandsverräter wie der Norweger Quisling. Hier eine ganz typische Methode der “Neuen Rechten”: Liberalen und Linksliberalen, auch Linken wird unterstellt ihre Entscheidungen seien denjenigen gleich, welche einst nationalsozialistisch inspirierte Menschen getroffen hätten.

Die Quislinge sind gegenüber den richtig empfindenden Menschen Vertreter einer totalitären Macht und sie haben äußerst unerfreuliche totalitäre Freunde:

Nicht minder fatal sind die Einschmeichler, Blockwarte und Denunzianten, die um des eigenen Vorteils willen, vielleicht weil sie auf neue Wähler spekulieren, die wenigen frühen Mahner und Warner als unverbesserliche “Rechtsextreme” oder Unruhestifter kriminalisieren, die Übergriffe der Eroberer konsequent beschweigen und sich zum Sprachrohr ihrer in geduldiger Salamitaktik vorgebrachten Forderungen machen.

Die bestehenden kulturellen Differenzen werden dann folgendermaßen zusammengefasst:

Eine Extrawurst bei Kantinen-Speiseplan, Frauenschwimmen und Mädchensport hier, eine abgesagte Theateraufführung oder Weihnachtsfeier da, Augen zu bei kulturellen Besonderheiten wie Zwangsehe und “Ehrenmord”, gern auch mal ein schariakonformes mildes Urteil, und schon ist die europäische Welt wieder ein bisschen muslimischer.

Ähnliche Probleme können beispielsweise auch bei frommen Juden auftreten oder den Zeugen Jehovas, aber bei den Muslim/inn/en gilt es als Eroberungswille. Der Autor ist nicht bereit, kulturelle Differenzen hinzunehmen, zu akzeptieren, was das Grundgesetz allerdings vorsieht.  Und wenn Differenzen bestehen, gibt es natürlich darüber Kontroversen, wie mit diesen im Kontext des Grundgesetzes umgegangen werden sollte. Die fälschlich sogenannten “Ehrenmorde” sind bekanntlich in Deutschland strafbar, das ist ein gutes Beispiel dafür, was akzeptiert sein muss, wenn man hier lebt. Ausdruck des Islam als solchem sind solche “Ehrenmorde” nicht, weil der Koran solches nicht erlaubt. Sagen wir es einmal so, dies scheint dem Autor Zach nicht bekannt zu sein.

Dass der Islam eine durchaus lange europäische Geschichte hatte, die europäische Kultur zutiefst mitgeprägt hat, scheint ihm ebenfalls unbekannt zu sein. Medizin und Mathematik, Philosophie – diese Disziplinen sind lange wie das Schachspiel von den muslimisch bestimmten Gesellschaften dominiert worden. Dass diese Gesellschaften keine “Aufklärung” kannten, ist nicht wahr. Richtig ist, dass sich bestimmte Gelehrte wie Ibn Rushd (Averroës) im 12. Jahrhundert d. Z. gesellschaftlich nicht durchsetzen konnten. Dennoch verdankt Europa seiner Arbeit an den Aristotelestexten die europäische Kultursynthese von jüdisch-christlicher religiöser Tradition mit der griechischen Philosophie, in die nach Thomas von Aquin selbstverständlich auch der Islam eingeschlossen war.

Die Position der Bundesregierung dürfte auf lange Sicht die erfolgreichste sein. Lässt sich der Islam in Deutschland mit seinen verschiedenen Schattierungen in das Religionsstaatsrecht der Bundesrepublik einbeziehen, wird er eine ähnlich humanisierende Entwicklung durchlaufen, wie es bei der Katholischen Kirche seit der Weimarer Republik und dann insbesondere in der Bundesrepublik auch der Fall war. Und wenn die katholische Kirche in unserer Weltgegend zu einer “normalen” Religion werden konnte, dann kann es “der” Islam auch.

Vgl. zur angesprochenen CDU-Problematik ein FAZ-Interview: laschet.pdf

18. September 2008

Ein schwarzes Loch?

Finanzkrise

Ein alltagsphilosophischer Blog beschäftigt sich mit Fragen, die unseren Alltag betreffen, seine Randbedingungen bestimmen usf. Insofern ist es nicht nur der massenmedialen Aktualität geschuldet, wenn wir uns den aktuellen Fragen der internationalen Finanzkrise zuwenden. Denn nach Einschätzung vieler Expert/inn/en sind davon nicht nur unmittelbar US-amerikanische Häuserbauer betroffen, sondern durchaus auch Menschen in der Bundesrepublik. Auch die Bundesregierung hat eingeräumt, dass u. a. wegen der Finanzkrise das Wirtschaftswachstum im Jahr 2009 nur 1 % betragen werde, was wohl in den Alltag vieler Menschen eingreifen wird.

Die taz bleibt auch in solchen Zeiten nicht ernst, auch wenn „die Situation“ nun „da ist“, um eine Formulierung Konrad Adenauers aufzugreifen.

tazbilder
Hierbei wird nicht auf ein mögliches Unglück bei den Versuchen in Genf am CERN angespielt, wo ja angeblich “schwarze Löcher” entstehen könnten, bildlich-metaphorisch gemeint ist das Verschwinden von 350 Millionen Euro in der Bank Lehman Brothers durch Überweisung von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) trotz Bekanntwerden der Pleite von Lehman Brothers. Das sind für die gewöhnlichen Bürger/innen wohl eher ungewöhnliche Ereignisse, hätte man sich vielleicht gewünscht, dass – bei einer derartigen ohnehin unsinnigen Überweisung von Staatsgeldern – doch wenigstens 5.000 € bei einem selbst angekommen wären. einspruch.org-Smiley
Dieses Versagen zweier Angestellter der KfW wirft aber wohl nur ein tieferes Schlaglicht auf den Hintergrund, auf die Mentalitätsstruktur im Bank- und Versicherungsgewerbe, wo z. T. kreditgestützt mit sogenannten „Finanzderivaten“ gehandelt wird – und „realwirtschaftlich“ eher unwahrscheinliche „Renditen“ zu erzielen sein sollen, wie es etwa der Vorstandschef der Deutschen Bank Ackermann mit einer Renditemarge von 25 % für dieses Institut vorgegeben hat.
Heiner Flassbeck hat entsprechend heute in der taz einen ausführlichen Artikel geschrieben, der die Hintergründe und Mechanismen des s. E. „vorhersehbaren Kollapses“ Heiner Flassbeck – tazbilder erläutert – für Alltagsphilosoph/inn/en möglicherweise aufschlussreich, nicht zuletzt in Bezug auf das eigene Handeln bei der Vorsorge für das Alter usf. Flassbeck gehört zu den Optimisten bei der Betrachtung des Geschehens der Weltwirtschaft, es könnte funktionieren, wenn man die Wirtschaft als System und die einzelnen Volkswirtschaften darin richtig versteht und entsprechend angemessen handelt. Ich werde demnächst daher hier einmal sein mit Friederike Spiecker verfasstes Buch über Das Ende der Massenarbeitslosigkeit, Frankfurt/M. 2007, besprechen. Flassbeck gehörte bekanntlich bei seiner Tätigkeit als Staatssekretär unter Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine zu den scharfen Kritikern des internationalen Finanzsystems. Und diese Sichtweise prägt auch seinen Artikel heute in der taz.
Bei den Finanzmärkten gelte nicht die Idee Friedrich von Hayeks, dass die Märkte gleichsam ungesteuert die Vielfalt von Informationen der Marktteilnehmer regulierten.

Die Kapitalmärkte … funktionieren anders als der Handel mit Kartoffeln und Maschinen. Dort kommt bei den “wirklich großen Spielen” um Zinsen, Wechselkurse, Aktien, Hauspreise und Rohstoffe eine Handvoll privilegierter Akteure zusammen, die alle nicht mehr wissen, als jede gut informierte Abteilung eines Ministeriums oder einer Zentralbank wissen kann. Alle sind ferngesteuert von ein paar Informationen, die für jeden zugänglich permanent über die Bildschirme jagen und von allen Beteiligten in ähnlicher Weise gedeutet werden. Wenn also bestimmte Ereignisse eintreten wie beispielsweise eine Rohstoffpreishausse, dann springen fast alle Spieler gleichzeitig auf diesen Zug und versuchen sich eine goldene Nase zu verdienen. Das geht genau so lange gut, bis sie den Preis weit weg von dem Wert getrieben haben, den die reale Welt, also die richtigen Menschen, zu zahlen in der Lage sind. Dann aber kollabiert das ganze Spielsystem.

Dieses Spiel wird dadurch noch absurder, dass die gierigen Finanzmarktzocker und ihre Banker alle paar Jahre auf die grandiose Idee kommen, man könne die eigenen Gewinne dadurch so richtig in die Höhe jubeln (auf Herrn Ackermanns berühmte 25 Prozent Eigenkapitalrendite etwa), indem man den Großteil der Spekulation mit Schulden finanziert.

Diese Schulden würden dann in Anlagen investiert, die eine höhere Rendite als die notwendige Verzinsung der Kredite erbrächten. Im Kern handele es sich um ein Verfahren, das demjenigen der Versendung von Kettenbriefen ähnele. Und hierbei komme es darauf an, nicht “der Letzte in der Kette zu sein”.

So primitiv ist das und doch kurzfristig so profitabel. Solange man willfährige “Wissenschaftler” hat, die nichts anderes tun, als die “unbestreitbare Effizienz der Kapitalmärkte” zu loben, solange man Politiker hat, die vor Hochachtung vor den “Werteschaffern” in den Banken in die Knie gehen, solange man eine Öffentlichkeit hat, die sich gerne einreden lässt, man bräuchte eigentlich nicht mehr zu arbeiten und könne mit einem schnellen Geschäft an den Finanzmärkten quasi ohne Risiko reich werden, solange man eine öffentliche Diskussion in den Medien hinbekommt, die den Leuten weismacht, ihre Rente könnte nur mit dem großen Spiel an den Finanzmärkten sicher gemacht werden, so lange wird es immer wieder große Krisen geben.

Was wir nämlich endlich begreifen müssten: Banken produzieren nichts. Die Volksverdummung beginnt schon damit, dass man das, was Banken ihren Kunden anbieten, als “Produkte” bezeichnet. Das klingt gut und seriös und vor allem so, als seien Banken ebenso innovativ wie Produktionsunternehmen und würden alle paar Wochen ein “neues Produkt” auf den Markt werfen. Banken machen aber immer das Gleiche: Sie leihen Geld über relativ kurze Fristen und verleihen es über längere Fristen. Dabei ist Geld zu verdienen, weil die Zinsen für lange Fristen meist höher sind als die für die kurzen. Dabei geht man aber auch ein Risiko ein, weil die pünktliche Rückzahlung von Krediten an die Banken über lange Fristen nie so sicher ist wie die kurzfristige Verpflichtung der Banken gegenüber den Einlegern. Insgesamt ist es ein Geschäft, aber sicher kein Bombengeschäft, bei dem man systematisch und auf längere Zeit Renditen von 25 Prozent erzielen könnte, wie noch immer von der größten deutschen Bank angestrebt.

Entsprechend müsse der Staat hart bleiben bei Wünschen, die Verluste der Banken auszugleichen, wer mit 25 % Rendite protze, müsse auch 25 % Verlust hinnehmen, auch Herr Ackermann hatte ja ganz gegen seine sonstige Gewohnheit staatliche Absicherungen gewünscht.

Zum anderen muss die Politik beginnen zu verstehen, dass die großen Spiele, die da rund um den Globus gespielt werden, für die reale Wirtschaft vollkommen nutzlos sind. Dass die Hypothek eines amerikanischen Häuslebauers noch 23-mal auf den internationalen Finanzmärkten in der Form irgendwelcher “Produkte” verscherbelt wurde, war ja sogar schädlich für das amerikanische Häuserbauen. Es schien nur eine Zeit lang den Markt zu beflügeln, weil man die Häuslebauer im Unklaren über ihre Zinsbelastung gelassen und die Anleger hinsichtlich der zu erzielenden Rendite systematisch getäuscht hat. Spiele am Devisenmarkt sind in aller Regel unmittelbar und in massiver Weise schädlich für die reale Wirtschaft, weil sie die Wechselkurse ebenso systematisch in die falsche Richtung treiben.

Es gehe hier um eine Art Kasinomentalität, die aber leider realwirtschaftliche Folgen zeitige. Daher müsse in Zukunft beim Prahlen mit hohen Renditen überprüft werden, zu wessen Lasten diese Gewinne gingen. Ebenso müssten staatlicherseits den Gehältern der Angestellten Grenzen gezogen werden, weil diese systemisch offensichtlich erwarteten, dass ihre Zockerei eine staatliche Beteiligung an den Verlusten nach sich ziehe. Verwunderung
Der Artikel wirft m. E. zwei nachdenkenswerte Punkte auf:

  1. Gibt es in der stärker ausgeweiteten Internationalisierung von Märkten eine Rekonstruktion des Politiksystems, das solche Regeln für die Finanzmärkte aufstellen kann? Damit sind Fragen der EU, der Welthandelsorganisation, der Weltbank, der UNO usf. angesprochen.
  2.  Der von Flassbeck beschriebene Handel mit Finanzderivaten geschieht eher zunehmend auf Kredit, um höhere Renditen erzielen zu können. Dies scheint ohne realwirtschaftlichen Gegenwert zu sein, sodass es zu großen Krisen kommen kann. Insofern wirft diese finanzwirtschaftliche Handlungsweise erhebliche Probleme der Ethik auf, Flassbeck selbst sagt, diese Art des Wirtschaftens sei “moralisch verwerflich”.

Hier spricht er sozusagen alteuropäische Probleme an: Kann der Staat durch Setzung von rechtlichen Rahmenbedingungen solche Krisen minimieren? Und wie muss eine entsprechende internationale staatliche Kooperation aussehen? Darauf gibt der Artikel noch keine Antworten, aber sie wären wichtig.

Vgl. auch das Interview mit dem keynesianischen Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz in der FAZ am Sonntag: stiglitzpdf.pdf

15. September 2008

Der 11.09.2001 und die Provokation Stockhausens

Eine interessante und unkonventionelle, auf Schopenhauer, Nietzsche zurückgreifende Debatte um eine Äußerung des Komponisten Karl-Heinz Stockhausen, geführt im Transatlantikblog.

“Nochmals: Stockhausen zum 11.September

UPDATE 12.09.2009: Einen bitteren Kommentar auf diesen Blogbeitrag nehme ich zum Anlass, den Artikel zu präzisieren. Präzisieren heißt nicht ändern, sondern detaillieren. Auch wenn mich der harsche Ton der Kritik nicht gefreut hat, bedanke ich mich insofern dafür, als ich mir nochmals weitergehende und vielleicht klärende Gedanken machen konnte. Die Kritik lautete:

‘Wenn Sie mal lesen wollen, welcher Blödsinn in der Blogosphäre manchmal geschrieben wird, schauen Sie sich den heutigen Artikel des ‘Transatlantikblogs’ zum 11. September an.

Der Gedankengang dieses Artikels ist falsch, abstoßend und zynisch. Die Realisierung monströser Phantasien, die das Töten von Menschen zum Inhalt haben, ist Kunst? Der Holocaust war Kunst? Auschwitz – ein Happening? Selten so einen ärgerlichen Blödsinn gelesen. Markus Wichmann.’

——-

Eine Woche nach den verheerenden Anschlägen des 11. September gab der Komponist Karl-Heinz Stockhausen dem Norddeutschen Rundfunk ein Aufsehen erregendes Interview.

Darin sprach er vom Kunstcharakter des Anschlags:

‘Also – was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen – das größtmögliche Kunstwerk was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben.

Das ist das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen sie sich das doch vor, was da passiert ist, das sind Leute, die sind so konzentriert auf das, auf die eine Aufführung und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten [...]‘”

Hier können Sie mehr lesen. Der Autor ist Michael Kachel.

Wozu noch Marx?

Karl Marx - GooglebilderHat sich nicht mindestens ein Philosoph gänzlich überholt? Ist er nicht durch den Gang der Weltgeschichte seit 1945, dann beschleunigt seit Mitte der 1980er Jahre völlig widerlegt? Und wenn er und seine Nachfolger sich so völlig widerlegt haben, worin besteht dann seine Relevanz für Alltagsphilosophie?

Verfolgt man die Leitmedien in Deutschland seit einiger Zeit, dann könnte das so erscheinen. Aber diese glauben an ein bestimmtes Wirtschaftsmodell, das sich insbesondere seit der Agenda 2010  Gerhard Schröder - Googlebilderauch politisch und dann im Sozialgesetzbuch durchgesetzt hat. Andere wiederum meinen, dieses Wirtschaftsmodell stärker erleiden zu müssen, sodass der Streit um die Legitimität des kapitalistischen Wirtschaftssystems seit einiger Zeit wieder an Fahrt gewinnt. Ernst Tugendhat hat in einem wichtigen Aufsatz Ernst Tugendhat - Googlebilderüber die Menschenrechte (Die Kontroverse um die Menschenrechte, in: E. Tugendhat, Aufsätze 1992 bis 2000, 2001 [stw 1535], 27-39) gezeigt, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem in einem Dauerkonflikt mit den Menschenrechten liegt, auch dass sich die sozialen Menschenrechte wie das Recht auf Arbeit im Sinne eines Rechtsanspruches nicht einfach ausgliedern lassen.

” Für den ersten Schritt der Ausdehnung der Grundrechte über die der negativen Freiheit hinaus ist [der positive Freiheitsbegriff] grundlegend, weil erstens Autonomie ein menschliches Grundbedürfnis ist und weil zweitens nur mit ihm das primäre Defizit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung gemildert werden kann, das darin besteht, dass viele Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen und im Prinzip könnten, aber nicht können. Sie werden daran gehindert durch die bestehenden ökonomischen Machtverhältnisse, durch die negative Freiheit und die daraus resultierende Machtakkumulation der Privilegierten. Daraus ergibt sich die staatliche Verpflichtung auf Schaffung angemessener Arbeitsbedingungen für alle, die dazu fähig sind, insbesondere also das Recht auf Arbeit, das in vielen Menschenrechtserklärungen anerkannt ist, aber noch in keinem kapitalistischen Land verwirklicht ist. Und daraus ergeben sich eine Reihe von Forderungen zur Schaffung gleicher Ausgangsbedingungen, wie die Abschaffung bezahlter Privatschulen für die Elite und die Abschaffung des Erbrechts. Die Hervorhebung des Begriffs der positiven Freiheit ist auch deswegen wichtig, weil es das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe unterstreicht und ein falsches Verständnis des Wohlfahrtsstaates verbietet, dem zufolge es sich um eine bloße Kompensation durch Güter handeln könnte.” (Tugendhat, 36f)

Der negative Freiheitsbegriff ist der Begriff der liberalistischen Tradition, die eben die Freiheit vom Zwang der Obrigkeit u. Ä. in den Vordergrund stellt. Wird dieser einseitig behandelt, kommt es zu sozialen Ungleichgewichten, die dann systemisch stabilisiert werden.

Ich erwähne Tugendhats Aufsatz hier, weil er eine besonnene Stimme im doch massenmedial immer noch recht aufgedrehten Kapitalismusrausch erheben möchte. Selbst wenn man dem ökonomischen Effizienzargument für die marktwirtschaftliche Ordnung wohl zustimmen kann, bleibt also die Menschenrechtsfrage dringend.

Und es war Karl Marx, der sie als erster Philosoph in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844), insbesondere im Abschnitt über die “entfremdete Arbeit” gestellt hat:

“Die Nationalökonomie verbirgt die Entfremdung in dem Wesen der Arbeit dadurch, dass sie nicht des unmittelbare Verhältnis zwischen dem Arbeiter (der Arbeit) und der Produktion betrachtet. Allerdings. Die Arbeit produziert Wunderwerke für die Reichen, aber sie produziert Entblößung für den Arbeiter. Sie produziert Paläste, aber Höhlen für den Arbeiter. Sie produziert Schönheit, aber Verkrüppelung für den Arbeiter. Sie ersetzt die Arbeit durch Maschinen, aber sie wirft einen Teil der Arbeiter zu einer barbarischen Arbeit zurück und macht den andren Teil zur Maschine. Sie produziert Geist, aber sie produziert Blödsinn, Kretinismus für den Arbeiter.

Das unmittelbare Verhältnis der Arbeit zu ihren Produkten ist des Verhältnis des Arbeiters zu den Gegenständen seiner Produktion. Das Verhältnis des Vermögenden zu den Gegenständen der Produktion und zu ihr selbst ist nur eine Konsequenz dieses ersten Verhältnisses. Und bestätigt es. Wir werden diese andre Seite später betrachten. Wenn wir also fragen: Welches <514>ist das wesentliche Verhältnis der Arbeit, so fragen wir nach dem Verhältnis des Arbeiters zur Produktion.

Wir haben bisher die Entfremdung, die Entäußerung des Arbeiters nur nach der einen Seite bin betrachtet, nämlich sein Verhältnis zu den Produkten seiner Arbeit. Aber die Entfremdung zeigt sich nicht nur im Resultat, sondern im Akt der Produktion, innerhalb der produzierenden Tätigkeit selbst. Wie würde der Arbeiter dem Produkt seiner Tätigkeit fremd gegenübertreten können, wenn er im Akt der Produktion selbst sich nicht sich selbst entfremdete? Das Produkt ist ja nur das Resümee der Tätigkeit, der Produktion. Wenn also das Produkt der Arbeit die Entäußerung ist, so muss die Produktion selbst die tätige Entäußerung, die Entäußerung der Tätigkeit, die Tätigkeit der Entäußerung sein. In der Entfremdung des Gegenstandes der Arbeit resümiert sich nur die Entfremdung, die Entäußerung in der Tätigkeit der Arbeit selbst.

Worin besteht nun die Entäußerung der Arbeit?

Erstens, dass die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d. h. nicht zu seinem Wesen gehört, dass er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hans. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, dass, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher der Mensch sich entäußert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung. Endlich erscheint die Äußerlichkeit der Arbeit für den Arbeiter darin, dass sie nicht sein eigen, sondern eines andern ist, dass sie ihm nicht gehört, dass er in ihr nicht sich selbst, sondern einem andern angehört. Wie in der Religion die Selbsttätigkeit der menschlichen Phantasie, des menschlichen Hirns und des menschlichen Herzens unabhängig vom Individuum, d. h. als eine fremde, göttliche oder teuflische Tätigkeit, auf es wirkt, so ist die Tätigkeit des Arbeiters nicht seine Selbsttätigkeit. Sie gehört einem andren, sie ist der Verlust seiner selbst.

Es kömmt daher zu dem Resultat, dass der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc., sich als freitätig fühlt und in seinen <515>menschlichen Funktionen nur mehr als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische.”

Marx ist hier noch von seinem ursprünglichen Impuls bestimmt, dass es innerhalb des Liberalismus einen Selbstwiderspruch gibt. Dieser fordert die freie selbstbestimmte Tätigkeit für alle, etabliert aber ein ökonomisches System, das diese systemisch vielen entzieht. Darin liegt die moralische Problematik des Kapitalismus. Die spätere Rechtfertigung dieser Einsicht mittels Geschichtsdeterminismus usf. kommt dieser ursprünglichen Einsicht nicht mehr nach. Mit Adam Smith - GooglebildAdam Smith und David RicardoDavid Ricardo - Googlebild betreibt Marx eine hegelisch etwas vertiefte Gesellschaftsmechanik. Mit den Ökonomen übersieht er die Risiken der kapitalistischen Dynamik, die nicht nur in einer Spaltung der Gesellschaft liegen, sondern vor allem in der ökologischen Frage. Hier war ihm z. B. der Evolutionsbiologe Russell Wallace Wallace - Googlebilderdeutlich überlegen.

Dennoch hat Marx diesen einen Punkt der Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Menschenrechten genau gesehen. Wie immer wir mit diesem Problem umgehen, Marx hat es klar erkannt.

11. September 2008

Kritik an Dawkins Argumenten

Alles ist nützlich – oder?

An sich könnte man aus einer religionswissenschaftlichen und/oder religionsphilosophischen Perspektive Dawkins auf sich beruhen lassen – Polemiken wie von Graf oder befremdliche Apologien wie diejenige Hubers sind meine Sache eher nicht. Dass ich hier auf Dawkins’ Text eingehe, hat den Grund, dass sich darin ein Argumentationsmuster zeigt, dass über die Religionsfrage hinaus von Belang ist.

Zunächst fällt auf, dass er eine Reihe von Wissenschaftlern als Atheisten kennzeichnet, die es eindeutig nicht sind, so etwa Albert Einstein Albert Einstein - Googlebild, dies gilt auch für Darwin selbst.

Als philosophische Kronzeugen nennt er zwei hervorragende Vertreter der empiristischen englischen TraditionDavid Hume - Googlebilder:

  David Hume und Bertrand RussellBertrand Russell - Googlebilder.

Erstaunlicherweise finden Bertrand Russells Freunde Alfred North Whitehead - googlebilderAlfred North Whitehead und Ludwig Wittgenstein, die in dieser Frage völlig anderer Meinung als Russell waren, keine ErwähnungLudwig Wittgenstein - googebilder.

Auch die Evolutionstheoretiker Herbert Spencer und Alfred Russell Wallace Alfred Russell Wallace werden nicht erwähnt (Spencer) oder werden nicht als mit Dawkins sich in dieser Frage im Dissens befindend besprochen (Wallace).Herbert Spencer Keiner der genannten Autoren hat nämlich aus dem Sachverhalt, dass sich das Leben per natürlicher Selektion (natural selection) zu unwahrscheinlich komplexen Formen entwickele, jene atheistischen Konsequenzen gezogen, die Dawkins selbst zieht.

Weiterhin fragt man sich, warum er sich nur auf konservative angelsächsische jüdische und christliche Theologen sowie fundamentalistische nordamerikanische Fernsehprediger bezieht, wenn es um die von ihm wahrgenommenen religiösen Sachverhalte geht. Warum erfährt man nichts über bisexuelle anglikanische Priesterinnen oder homosexuelle Bischöfe? Und schließlich: Wieso wird die liberale Entwicklung innerhalb der jüdischen Religion, der christlichen Religion in großen Teilen Europas, aber auch der Vereinigten Staaten nicht erwähnt, wieso fehlen Hinweise auf die Auseinandersetzung im Islam z. B. der Türkei oder Irans?

Auch Dawkins selbst zitiert aus einer Leserzuschrift einen ähnlichen Einwand:

„‘Sie nehmen sich grobe Aufwiegler wie Ted Haggard,Ted Haggard
Jerry FalwellJerry Falwell und Pat Robertson Pat Robertson vor

anstelle kultivierter Theologen wie Tillich Paul Tillich oder Bonhoeffer Dietrich Bonhoeffer, die jene Art von Religion lehren, an die ich glaube.‘

Wenn nur eine solche verfeinerte, nuancierte Religion vorherrschen würde, sähe die Welt sicher besser aus, und ich hätte ein ganz anderes Buch geschrieben. Aber die traurige Wahrheit lautet: Eine derart zurückhaltende, anständige Religion ist zahlenmäßig der Rede nicht wert.“ (525)

Nach meinem Eindruck verschiebt Dawkins hier beachtlich das Problem, so als ob man gegenwärtig ein zutreffendes Portrait des deutschen Protestantismus erstellen könnte, wenn man bestimmte Mittelgebirgsregionen in Württemberg und im Siegerland betrachtet, aber Südhessen und Baden ausspart. Auch in jenen Mittelgebirgsregionen wird man gelegentlich vielleicht auf das von Dawkins unterstellte Gotteskonzept stoßen („übernatürliche Intelligenz usf.“), aber in Baden und Südhessen wohl deutlich seltener.

Am schwersten wiegt vom Thema her aber die Frage, warum nicht auf die frühe buddhistische Position eingegangen wird, die zwar unbestritten eine Religion ist – allerdings kein Gotteskonzept kennt. Neben einer Reihe von Hindureligionenpositionen zeigt der frühe Buddhismus am deutlichsten, dass man das Religionsproblem inhaltlich eher missversteht, wenn man es am Gotteskonzept orientiert – und von daher zu kritisieren versucht. Wie etwa Arbeiten im quantenmechanischen Bereich zeigen (Thomas/Brigitte Görnitz, Der kreative Kosmos, Heidelberg u. a. 2002), können auch bei kritischen Wissenschaftler/inne/n jedenfalls Resonanzen der Religionen, etwa der fernöstlichen, festgestellt werden. Ebenso ist das Potsdamer Manifest von Quantenphysiker/inn/en, Philosophen usf. durchaus der Meinung, dass die weltgesellschaftlichen Probleme schwerlich ohne das Potenzial der Weltreligionen gelöst werden könnten.

Diese beachtlichen Ungereimtheiten im Konzept Dawkins weisen auf etwas anderes hin. Es geht weniger um das Problem der Religionen oder des Atheismus. Dawkins geht es um die kulturelle Erklärungskraft und Deutungshoheit seiner Disziplin: der Evolutionsbiologie. Darauf gehe ich gleich ein. Zunächst ist Dawkins’ Hauptargument ganz schwach: Die „natürliche Selektion“ soll die unwahrscheinlichen Entwicklungen in der Komplexität der Lebensformen erklären und die Existenz eines Gottes ausschließen. Schenken wir Dawkins die Frage, ob die natürliche Selektion als kosmologisches Modell überhaupt dienen kann – oder nicht nur auf die Entwicklung des Lebens eingeschränkt ist. Jedenfalls zieht Dawkins’ Argument nur dann, wenn die natürliche Selektion genau auf derselben Ebene angesiedelt ist, wie der Gott des Intelligent Design, der alles gemacht, geplant hat und gestaltend weiter fortsetzt. Dann und nur dann ergibt sich jener dramatische Konflikt, den das Buch rhetorisch suggeriert. Dawkins weist mit Recht daraufhin, dass sich die Intelligent-Design-Theorie in einen logischen Widerspruch verwickelt. Denn zugestanden, es gäbe jenen Designer, wer hätte diesen geplant und gestaltet? Dies führt zwingend zu einem unendlichen Regress. Nun hatte schon der geistvolle und gelassene Herbert Spencer in den §§ 11 bis 13 der First Principles, 6. Aufl. London 1900 darauf hingewiesen, dass auch Selbstorganisationstheorien der Art von Dawkins, sofern sie sich atheistisch verstehen, vor dem gleichen logischen Problem stehen. Dawkins glaubt, dies vermeiden zu können, weil er keine Handlungsinstanz in der natürlichen Selektion unterstellen muss – es handelt sich ja um einen zufällig angeregten, sich über die natürliche Selektion unter Anpassung an die gegebenen Umstände sich vollziehenden Prozess der allmählichen, sehr langsamen Entwicklung. In der Tat kommt hier wohl keine Handlungsinstanz vor. Logisch ist das aber genauso defekt, wie die theistische Theorie des Intelligent Design. Denn auch die natürliche Selektion setzt einen Möglichkeitszustand voraus – genauso wie der physikalisch-kosmologisch hypothetisch unterstellte Urknall einen Möglichkeitszustand voraussetzt. Wissenschaftler/innen übersehen nicht selten diesen Punkt – und glauben, die Probleme des absoluten Anfangs einfach experimentell z. B. in Genf erledigen zu können. Das ist aber nicht wahr, weil jeder Möglichkeitszustand wieder selbst möglich sein muss – daher lässt sich der unendliche Regress nicht vermeiden, gerade nicht bei Selbstorganisationstheorien. Wenn der unendliche Regress nicht vermeidbar ist, wird man Spencer zustimmen müssen, dass der unterstellte Anfang zwar notwendig zu denken sei, aber nicht gewusst werden könne. Setzt man also auf Wissen im strengen Sinn ist der Atheismus genauso irrational wie der Theismus – und nur ein Agnostizismus kann sich als ernsthaft wissenschaftlich bezeichnen lassen.

Wenn aber das zentrale Argument Dawkins’ so angreifbar ist, was will er uns dann eigentlich sagen? Es ist kaum anzunehmen, dass Dawkins Gegenargumente dieser Art nicht kennt. Er überspielt das Problem nur rhetorisch. Worauf will er dann hinaus?

Er will zeigen, dass man auch die Kultur, die Gesellschaft evolutionsbiologisch interpretieren muss. Spencer sah das Problem, daher entwarf er allgemeine Regeln, die für den gesamten kosmischen Prozess von den Staubwolken im All bis zur menschlichen Gesellschaft gelten sollten, aber die einfache Idee, dass die menschliche Kultur und Gesellschaft nichts anderes sei als Hordenphänomene bei bestimmten Tieren verwarf er. Die Gesellschaft lässt sich selbst nicht einfach als Organismus oder als Interaktion von Organismen verstehen, sondern als superorganic, als „über-organisch“, womit gemeint ist, dass die gesellschaftlichen Prozesse durchaus nicht ohne Organismen bestehen, aber durchaus eine kulturelle Eigenwelt evolutionär ausgearbeitet haben. In der Tat ist Dawkins vom Gegenteil überzeugt – und darin besteht die eigentliche Botschaft seines Buches. Die Evolutionsbiologie erklärt nicht nur die Entfaltung der Welt der Organismen, sondern auch die Gesellschaft. Folglich ist sie auch für Religion (225ff) und Ethik (291ff) zuständig.

Jede sich „wissenschaftlich“ gebende atheistische oder areligiöse These hat mit einem objektiven Gegenargument zu kämpfen. Leider sind gar nicht so viele Menschen areligiös oder gar atheistisch, wie sie es wissenschaftlich eigentlich sein müssten.

Diese Grafik entstammt der deutschen Ausgabe des Atlas der Globalisierung von Le Monde diplomatique (2003, S. 89). Sie zeigt das empirische Problem auf: Wie kann man erklären, dass nur gut 17 % der Menschen areligiös bzw. atheistisch sind? Zumal doch die Areligiosität und der Atheismus sich wissenschaftlich so nahelegen? Dawkins stellt sich dieser Aufgabe natürlich, möglicherweise sind diese Ausführungen schlicht ein Beleg für hintersinnigen britischen Humor – und man darf sie nicht als Äußerung eines Wissenschaftlers ernst nehmen. Da die Religion völlig unvernünftig ist, kann sie auch schwerlich in irgendeiner Weise nützlich sein. Aber alle evolutionsbiologisch erklärbaren Sachverhalte sind für die Organismen in irgendeiner Weise nützlich, weil sie einen Überlebensvorteil gegenüber anderen Organismen bzw. Formen des Lebens darstellt – wie Spencer als erster formulierte: eben des survival of the fittest. Das heißt nicht: survival of the strongest, sondern eben das Überleben des einer bestimmten Situation bzw. der vorliegenden Umweltbedingungen Angepasstesten. Welchen Überlebensvorteil kann nun die Religion aufweisen, die zeichenhaft wohl seit den Höhlenzeichnungen von Lascaux kulturell erscheint? Nach Dawkins keinen. Sie ist nutzlos, im Gegenteil sogar schädlich. Wäre ich Evolutionsbiologe würde ich als seriöser Wissenschaftler nun sagen, ja – hier gibt es ein Rätsel. Vielleicht muss man die Religion doch anders erklären – oder das evolutionsbiologische Raster weist einen Fehler auf, vielleicht lassen sich kulturelle Sachverhalte wie Religionen aber gar nicht primär evolutionsbiologisch erklären. Nicht so Dawkins. Er kann sich das nur als sozusagen unfreiwilliges Nebenprodukt einer evolutionsbiologisch nützlichen Tatsache erklären.

„Das religiöse Verhalten könnte eine Fehlfunktion sein, ein unglückseliges Nebenprodukt einer grundlegenden psychologischen Neigung, die unter anderen Umständen nützlich sein kann oder früher einmal nützlich war. Die Neigung, die bei unseren Vorfahren von der natürlichen Selektion begünstigt wurde, war demnach nicht die Religion als solche, sonder sie hatte einen anderen Nutzeffekt, der sich nur nebenher zufällig als religiöses Verhalten manifestiert.
… Meine eigene Hypothese hat mit Kindern zu tun. Mehr als jede andere Spezies nutzen wir zum Überleben die Erfahrungen früherer Generationen, und diese Erfahrungen müssen wir an die Kinder weitergeben, um für ihren Schutz und ihr Wohlergehen zu sorgen. Theoretisch könnten Kinder durch eigene Erfahrungen lernen, nicht zu nahe an den Rand einer Felsklippe zu gehen, nicht unbesehen rote Beeren zu essen oder nicht in einem Gewässer voller Krokodile zu schwimmen. Aber für ein Kindergehirn bedeutet es, gelinde gesagt, einen Selektionsvorteil, wenn es die Faustregel lernt: ‚Glaube alles, was die Erwachsenen dir sagen, ohne weiter nachzufragen. Gehorche deinen Eltern; gehorche den Stammesältesten, insbesondere wenn sie in feierlichem, bedrohlichem Ton zu dir sprechen. Vertraue den Älteren, ohne Fragen zu stellen.‘ Das ist für ein Kind in der Regel ein sehr nützlicher Grundsatz.
… Die natürliche Selektion stattet das Gehirn eines Kindes mit der Neigung aus, den Eltern oder Stammesältesten alles zu glauben, was sie erzählen. Ein solcher vertrauensvoller Gehorsam dient wie bei der Motte, die sich am Mond orientiert, dem Überleben. Aber die Kehrseite des vertrauensvollen Gehorsams ist sklavische Leichtgläubigkeit. Das unvermeidliche Nebenprodukt ist die Anfälligkeit für Infektionen mit geistigen Viren.“ (242f.245f)

Hierauf beruht Dawkins Annahme, dass die Religion – wie schon in der frühen Aufklärung behauptet – auf einem Priesterbetrug beruhe, wodurch deren Herrschaft gesichert werde.

Für traditionelle Gesellschaften mag man den Erklärungsansatz Dawkins noch als Hypothese für erwägenswert halten. Aber wir haben ja Erfahrungen, die stichhaltig sind. Auch in nachtraditionellen Gesellschaften, in denen die Selbstbestimmung im Vordergrund steht und die Traditionsvermittlung immer auf die eigene Erfahrung bezogen wird, jedenfalls werden muss, bleibt die Religion bestehen. Man kann es sich beispielsweise am Dalai Lama klarmachen: Er hat eine traditionelle Religion, in der er auch eine sehr traditionelle Figur darstellt, in bestimmter Weise reformuliert – und wohl auch weiterentwickelt. Die komplexe, nicht in einer Linie verlaufende Geschichte der Religionen gibt daher wenig für Dawkins Annahme her. Ein wenig hängt er wohl – falls nicht manches doch schlicht britischer Humor ist – der alten Annahme einer Minderheit in der Aufklärung an, die Religion würde bei Zunahme an Bildung in allen Bevölkerungsschichten abnehmen. Die Wahrheit ist aber, dass sie sich dann transformiert, wie das bei Judentum und Christentum ganz leicht zu sehen ist. In Anfängen zeigt sich dies jetzt auch schon beim Islam. Auch der tibetische Buddhismus hat seine eigenen Traditionen neu im Kontext der Weltgesellschaft und der internationalen Öffentlichkeit interpretiert. Das setzt immer voraus, dass es in den Symbolsystemen auch Anhaltspunkte gibt, die sich so interpretieren lassen – ohne dass es zu großen Gewaltsamkeiten kommt. Anders als Dawkins glaubt, ist die Religion deshalb so resistent, weil sie überwiegend gegen die gesellschaftlichen Wirkungen eines allzu selektionistischen Prozesses vorgeht, Pazifismus, Bekämpfung der Armut usf. sind alles Themen, die gerade in transformierten Gestalten der Religion eine wichtige Rolle spielen. Doch wenn er diese Fragen berücksichtigt hätte, wäre sein Buch natürlich anders ausgefallen. Und Falwell, Robertson u. a. verdienen Dawkins’ Kritik ja auch – aber diese wurde schon lange vor ihm auch von anderen, durchaus religiösen Menschen geäußert.

Es ist religiös, theologisch und philosophisch seit gut 2.300 Jahren deutlich, dass die religiösen Traditionen angemessen bildlich interpretiert werden müssen. Mit Wittgenstein kann man sagen, dass religiöse Äußerungen wie Rituale, Texte, Zeichnungen, Architektur usf. “Lebensregeln in Bilder gefasst” darstellen. Insofern fällt es eher auf Dawkins zurück, wenn er beispielsweise übersieht, dass die jüdische Bibel bzw. das christliche Alte Testament diese Bildlichkeitsproblematik schon in den Texten selbst ab 1. Mose 1 erfassen – und dies auch in Texten wie dem Buch Kohelet (“Prediger Salomo”), Jesus Sirach und der Weisheit Salomos mehr oder weniger explizit auf griechische philosophische Konzepte beziehen. Wer diese Texte aber wörtlich nimmt, kommt dann zu antijüdischen oder antichristlichen Stereotypen wie “der Rächergott Jahwe”, immerhin schreibt Dawkins nicht “Jehova”, aber “Jahwe” ist eben auch nicht viel besser. Die nicht vokalisierte Zeichenkombination יהוה (JHWH) ist wohl nicht nur nicht ausgesprochen worden, sondern vielleicht eine absichtliche Verschreibung, wie aus der griechischen Übersetzung, den eindeutigen jüdischen Versionen der Septuaginta hervorgeht. Das ist ein Transzendenzsignal, dieser Gott ist noch einmal gegenüber den vielen Bildern, mit denen er in der Bibel dargestellt wird, transzendent.
Eine allgemeine Erörterung der Frage von Religionslosigkeit, Religiosität und Atheismus wird folgen.

7. September 2008

Evolutionsbiologisch begründeter Atheismus?

Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins Richard Dawkins - Googlebilder hat im Jahr 2006 ein Buch unter dem Titel The God Delusion veröffentlicht. Es ist von Sebastian Vogel übersetzt worden und jetzt schon in siebter Auflage bei Ullstein unter dem Titel “Der Gotteswahn” erhältlich. Wissenschafts- und kulturgeschichtlich gehört dieses Werk in jüngerer Zeit in eine gesellschaftliche Unruhe- und Umbruchsphase, in welcher Themen wieder bearbeitet werden, die an sich schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Grundzügen ausdiskutiert schienen, etwa die Rolle der Neurophysiologie bei der Selbstbestimmung des Menschen, die genetische Vorbestimmtheit der individuellen Entwicklung – und nicht zuletzt auch die Frage, ob es wissenschaftlich hinreichend sichere Gründe gebe, die so etwas wie die Existenz eines Gottes zwingend ausschließe. Vor allem die Medien dienen hier als interessierte Wiederaufarbeitungsanlage, die schon gründlich Erörtertes als neues Thema präsentiert. Es gibt nun Wissenschaftler, die den breiten Rückgang eines kulturellen Gedächtnisses nutzen und auf der Medienschiene etwas als wissenschaftlich bewiesen darlegen, was innerhalb des Wissenschaftssystems allenfalls als diskutable Hypothese gelten kann. So verhält es sich mit den Thesen, die der Frankfurter Neurophysiologe Wolf Singer Wolf Singer aufstellt. Und ebenso gilt dies für den neuen, angeblich wissenschaftlich begründeten Atheismus Richard Dawkins.

Natürlich gibt es dann in den Medien auch eine entsprechende kritische Resonanz. Der Münchner systematische Theologe Friedrich Wilhelm Graf hat hierzu in der SZ eine Rezension geschrieben. Dort beklagt er mit polemischen Überlegenheitsgestus die Unvertrautheit des atheistischen Hasspredigers Dawkins mit religiösen Sachverhalten, auch der religionswissenschaftlichen Debatte. In der ZEIT hat der Ratsvorsitzende der EKD Wolfgang Huber sich ebenfalls kritisch zu äußern versucht. Bei Hubers Beitrag handelt es sich um einem Vorabdruck zu einem erscheinenden Buch über eine evangelische Sicht des Glaubens. Der neue Atheismus ist jedenfalls als massenmedial präsentes Phänomen real – sozusagen im Alltag gegenwärtig – und kann daher auch ernsthaft diskutiert werden.

Die folgende Besprechung und Bewertung von Dawkins Buch ist in zwei Teile gegliedert:

  1. Dawkins Argumente
  2. Beurteilung, ob Dawkins Argumente stichhaltig sind.

Die Argumente Dawkins

Hat ein “atheistischer Hassprediger”, wie GrafFriedrich Wilhelm Graf  Dawkins polemisch bezeichnet, eigentlich Argumente? Graf suggeriert, dass es gerade nicht um Argumente geht, sondern um die fundamentalistische Kommunikation einer unkritisch unterstellten Weltanschauung. Huber formuliert etwas differenzierter, aber im Kern doch recht verwandt:

Wolfgang Huber - Zeit“Es kann nicht verwundern, dass dem ideologischen Missbrauch des christlichen Schöpfungsglaubens, wie er im Kreationismus und in der Lehre vom »Intelligent Design« vorliegt, spiegelbildlich ein Missbrauch entspricht, der meint, aus den Einsichten der modernen Naturwissenschaften zwingend eine Leugnung Gottes und die Verpflichtung auf einen kämpferischen Atheismus ableiten zu können. Beispielhaft ist dafür der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, der sich mit seinem Buch Der Gotteswahn an die Spitze dieser Bewegung gesetzt hat. Im Vorwort erklärt der Autor seine Absicht, mit diesem Buch zum Atheismus bekehren zu wollen; das wissenschaftliche Material, das er entfaltet, steht also von vornherein in einem weltanschaulichen Zusammenhang, der die Grenzen der Wissenschaft überschreitet. Die kämpferischen Atheisten werden dadurch zu dem, was sie verachten: zu Vertretern eines Glaubens, ja zu dessen Priestern und Propheten.”

Huber unterstellt Dawkins also ebenfalls einen Wissenschaftsfundamentalismus, der das umgekehrte Spiegelbild der Kreationisten und Anhänger/innen der pseudowissenschaftlichen Lehre des “Intelligent Design” sei. Wir stellen daher in der Folge die Argumente Dawkins dar.

Die Bewertung und Kritik erfolgt dann in einer Woche.

Kulturell ist zunächst wichtig zum besseren Verständnis anzumerken, dass Dawkins in der anglikanisch-staatskirchlich geprägten Kultur Großbritanniens lebt – und hiervon natürlich in seiner Wahrnehmung der Rolle von Religion in der Gesellschaft beeinflusst ist. Königin ElisabethSo ist das britische Staatsoberhaupt Königin Elisabeth auch Oberhaupt der Anglikanischen Kirche im Sinne der Church of England. Diesen eigentümlichen Horizont darf man bei der Lektüre des Buches von Dawkins niemals aus den Augen verlieren. Weiterhin gehört es zur Überzeugung einer Reihe von anglikanischen Christ/inn/en, dass religiöse Äußerungen genau besehen auch einen naturwissenschaftlichen Sinn haben müssen.

Dieser zweite Aspekt gilt auch für den weiteren religiösen Kontext, den Dawkins in seinem Buch untersucht, die Vereinigten Staaten. Hier fehlt freilich ganz der staatskirchliche Kontext, wobei Dawkins allerdings bei den protestantischen Fundamentalisten nicht zu Unrecht eine solche Tendenz vermutet, die sich bisher aber vor den Gerichten der Vereinigten Staaten nicht durchsetzen konnte, etwa bei der Lehre von Intelligent Design in der Schule, welche die Fundamentalist/inn/en erfolglos fordern.

Kurz gesagt: Dawkins hat im Wesentlichen drei soziale Systeme in der modernen Gesellschaft im Blick:

  1. das Politiksystem, das
  2.  Wissenschaftssystem und
  3. das Religionssystem.

Er plädiert nun nicht nur für eine klare Unterscheidung dieser drei sozialen Systeme, wie es seit der europäischen und nordamerikanischen Aufklärung üblich ist, sondern für das Verschwinden des Religionssystems. Andere Religionen wie etwa den frühen Buddhismus untersucht Dawkins nicht, sein Bild ist sozusagen von den im Abendland präsenten “abrahamitischen” Religionen Judentum, Christentum und Islam geprägt, wobei er sich seiner eigenen Einschätzung nach am besten im Christentum auskenne.Warum sollen die so verstandenen Religionen verschwinden? Die Antwort ist doppelt:

  1. Sie sind im Blick auf das politische System nur rückschrittlich (vs. Menschenrechte, Frauenrechte, Homosexualität, Demokratie usf.).
  2.  Mit anglikanischen Theolog/inn/en wie Richard SwinburneRichard Swinburne unterstellt Dawkins, dass religiöse Äußerungen auch einen naturwissenschaftlich relevanten Sinn haben. Wenn also von Gott als Schöpfer die Rede ist, dann muss Gott in irgendeiner Weise als Intelligenz des Universums dieses hergestellt haben oder immer weiter herstellen.

Punkt 2 ist der eigentlich ausschlaggebende für Dawkins Angriff auf die Religionen. Er formuliert die angebliche Unterstellung der Religionen so:

“Es gibt eine übermenschliche, übernatürliche Intelligenz, die das Universum und alles, was darin ist, einschließlich unserer selbst, absichtlich gestaltet und geschaffen hat.” (46)

Das ist die “Gotthypothese”, die dann wissenschaftlich-theoretisch und empirisch entsprechend getestet werden muss – und bei der es sich zeigt, dass sie extrem unwahrscheinlich ist. D. h., der religiöse Lebensvollzug ist ein quasiwissenschaftlicher Vollzug, wobei die allermeisten Menschen – durch religiöse Indoktrination in der Kindheit (vgl. vor allem 431ff: “Kindesmisshandlung”) gar nicht bemerken, worum es geht. Dawkins vertritt also eine veritable Variante der aufklärerischen Priesterbetrugstheorie. Die Religionen sind quasiwissenschaftliche Symbolsysteme, die von Priestern erfunden worden ist, um ihre Herrschaft zu sichern. Die Eltern sind so manipuliert, dass sie diesen Betrug nicht durchschauen und ihren Kindern immer weiter geben. Aber die Wissenschaft, allen voran die Evolutionsbiologie im Gefolge DarwinsCharles Darwin und Dawkins, klärt nun auf, wie es wirklich ist. Hier geht es natürlich vor allem um die Frage, wie das Leben entstanden ist und sich in immer differenzierte Formen entwickelt hat. Dawkins bestreitet hier jede Form der Planung, wie es heute wieder bei Vertretern des Intelligent Design vorkommt – folglich ist die “Gotthypothese” extrem unwahrscheinlich:

“Denn ein tieferes Verständnis des Darwinismus lehrt uns, misstrauisch gegenüber der leichtfertigen Annahme zu sein, Gestaltung sei die einzige Alternative zum Zufall. Stattdessen lernen wir, nach langsam aufsteigenden Linien zunehmender Komplexität zu suchen. Schon vor Darwin hatten Philosophen wie Hume begriffen, dass die Unwahrscheinlichkeit des Lebens kein Beweis für eine gezielte Gestaltung ist…” (157)

Im Klartext: Dawkins plädiert für eine Variante der Selbstorganisationstheorien des Lebens. Ob dies freilich ein Argument für den Atheismus ist, werden wir in der nächsten Woche genauer untersuchen.
Wir halten fest:

  1. Religionen sind vorwissenschaftliche Symbolsysteme, die auf Priesterbetrug beruhen.
  2. Sie vertreten eine Auffassung des Universums, die auf eine übernatürliche Intelligenz, welche gestaltend und planend tätig ist, zurückgreift.
  3. These 2 lässt sich durch eine Selbstorganisationstheorie des Lebens, die sich heute als empirisch recht gut bestätigt zeigt, als ganz unwahrscheinlich darlegen.

Dawkins ist also erheblich vorsichtiger als gemeinhin wahrgenommen wird. Er sagt nicht: Punkt 3 schließt Punkt 2 notwendig aus, sondern macht ihn nur extrem unwahrscheinlich. Das verbleibt im seriösen wissenschaftlichen Bereich – ist aber erheblich weniger als man zur wissenschaftlichen Absicherung des Atheismus  erwarten darf…