In den folgenden Wochen werde ich hier im Blog mehrere Arbeiten von Thomas Fuchs besprechen.
Fuchs ist Psychiater an der Universitätsklinik Heidelberg und arbeitet an einer phänomenologischen Auffassung von Psychopathologie und Psychotherapie. Er ist als einer der schärfsten Kritiker der neueren Gehirnforschung hervorgetreten. Fuchs schreibt sensibel, kann sarkastisch-ironisch sein und pointiert scharf. In den folgenden beiden Monaten werden hier seine Bücher “Das Gehirn ein Beziehungsorgan” und “Leib und Lebenswelt” besprochen.
Dabei werden nicht vordergründige Polemiken interessieren. Es steht hier natürlich der philosophische Ansatz im Fokus, inwieweit eine phänomenologische Fragestellung beispielsweise in der Auffassung von Wahrnehmung unsere lebensweltliche Erfahrung rechtfertigen kann, obwohl diese durch manche naturwissenschaftlichen Auffassungen infrage gestellt erscheint. Fuchs steht einer Reihe von Entwicklungen der Lebenswissenschaften äußerst skeptisch, fast schon resignativ gegenüber. Wir werden fragen, ob dies plausibel ist, ob es hierzu vielleicht Alternativen gibt.
Fuchs’ Arbeiten finden inzwischen ein breiteres auch außerakademisches Interesse, der Philosophiekurs Heidelberg behandelt am 29.05. einen Aufsatz (“Quer durch jedes Menschenherz”) über das Böse aus psychiatrischer Perspektive, in der VHs Neckargemünd findet am 20.06. ein ganztätiger Kurs zu Fuchs’ Buch über das “Gehirn als Beziehungsorgan” statt.
Brutaler Mord an einem Ehepaar und das Problem der Freiheit – Thomas Fuchs zu Felix D. und Torben B., Tessin, Mecklenburg » Alltag und Philosophie
[...] Fuchs wendet sich dieser Frage anhand eines u. a. auch massenmedial kommunizierten Falles [...]
#1 Pingback vom 26. Mai 2009 um 16:00
Rasputin
Ich lese oben zu Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs:
“”"”Er ist als einer der schärfsten Kritiker der neueren Gehirnforschung hervorgetreten.”"”"”"”
Dazu stelle ich hier einmal die Frage:Was versteht er selber denn von der neueren Gehirnforschung wirklich?
Die website der Klinik für Allgemeine Psychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg enthält:
……………………………….
Oberarzt der Klinik
Psychiatrische Ambulanz
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Leiter der Sektion „Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie“
Curriculum vitae
geb. 1958 in München
Ausbildung und Funktionen
1981-1987
Studium der Medizin, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte
1990
Promotion in Medizingeschichte: “Die Mechanisierung des Herzens. Harvey und Descartes” (summa cum laude)
1989-1996
Psychiatrische Ausbildung an der TU München
1995
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
1999
Promotion in Philosophie: “Leib, Raum, Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie” (summa cum laude)
1999
Habilitation in Psychiatrie an der Universität Heidelberg:
“Psychopathologie von Leib und Raum”
seit 1997
Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Leiter der Sektion “Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie”
seit 2004
Leiter des Referats “Philosophische Grundlagen der Psychiatrie” der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie (DGPPN) (mit Dr. M. Heinze)
Seit 2005
Professor für Psychiatrie an der Universität Heidelberg
Mitglied Editorial Board
* “Philosophy, Psychiatry and Psychology”
* “Psychopathology”
Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte
* Phänomenologische Psychopathologie
* Phänomenologische Psychologie und Anthropologie
* Postpartale Störungen und Mutter-Kind-Interaktionsforschung
* Medizinische und psychiatrische Ethik
…………………………………..
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Prof-Dr-med-Dr-phil-Thomas-Fuchs.6031.0.html
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Curriculum-vitae.6035.0.html
Eine besondere Qualifikation und Kompetenz für Fragen “der neueren Gehirnforschung” ergibt sich daraus aber noch nicht.
Das sind doch überhaupt nicht die Schwerpunkte von Prof. Fuchs.
Dafür gibt es ja doch wesentlich qualifiziertere Fachleute an deutschen Universitäten von ihrer Ausbildung und Tätigkeit und auch noch den Arbeits- und Forschungsschwerpunkten her.
Pfingstsonntag, den 31.Mai 2009 22 Uhr 16 MESZ
Günter Rudolphi
Copyright by “Rasputin” (Günter Rudolphi) 2009
nicht mehr editiert mangels einer Möglichkeit hier
#2 Kommentar vom 31. Mai 2009 um 22:16
Martin Pöttner
Lieber Herr Rudolphi,
wie Sie den Artikeln entnehmen können, gibt es Menschen, die wissenschaftlich allgemein gebildet und nicht nur Spezialisten sind, hierzu gehört auch Thomas Fuchs. Als Arzt und Philosoph versteht er schon, was die Gehirnforschung schreibt und erforscht hat – vor allem aber, was sie gar nicht erforscht hat und höchstens laut behauptet, aber nicht beweist.
Es gibt in der Publikationsliste von Thomas Fuchs eine Reihe wichtiger Beiträge zu diesem Thema, die Sie sogar laden können.
#3 Kommentar vom 01. Juni 2009 um 08:50
Rasputin
Sehr geehrter Herr Pöttner,
Sie schreiben, was ich zitiere:
“”"”Als Arzt und Philosoph versteht er schon, was die Gehirnforschung schreibt und erforscht hat – vor allem aber, was sie gar nicht erforscht hat und höchstens laut behauptet, aber nicht beweist.”"”"”
Das glauben Sie und vielleicht er selber, aber das bedeutet ja noch nicht so viel.
Ich werde darauf aber im anderen Faden noch detaillierter eingehen, denn eine zu starke “ad hominem” Debatte zu Prof. Fuchs wollte ich hier aber jetzt nicht führen, denn wer sich hier nicht wehren kann, wie er, der hat ja auch etwas Schonung verdient und keine heftigen Prügel*.
Aber die Psychiatrie im Allgemeinen, die nehme ich mir noch ganz besonders einmal auf’s Korn später, und den Prof. Fuchs betrachtete ich hier ja nur als einen der Protagonisten davon.
Denn die Psychiatrie hat mit einer exakten Wissenschaft soviel zu tun wie die Glaskugel der Frau, die die Zukunft vorhersagt, oder die Würfel beim Knobeln um den täglichen Abwasch in der WG, mit einem Meßschieber eines Facharbeiters des Metallhandwerks.
Da ist ja der Schritt zur Scharlatanerie bereits so winzig klein, vielen der Psychiater fehlt aber auch da noch schlicht und ergreifend schon die bloße Einsichtsfähigkeit dazu, sich das auch einmal ganz ehrlich und nüchtern einzugestehen.
In dem Genre tummeln sich ja besonders viele Einsichtsunfähige, die ihre eigenen Grenzen ja viel zu wenig kennen oder schon überprüft haben (lassen), denn diese Genre hat eine magische Anziehungskraft auch auf die, die eine Heilung ihrer eigenen psychischen Gebrechen von diesem Studium erwarten.
Nur mal so nebenbei erwähnt und ohne einen Zusammenhang mit Herrn Prof. Fuchs herstellen zu wollen, denn mein obiger Satz* bleibt ja weiter gültig.
Evaluierungen und Validierungen sind meist böhmische Dörfer da noch.
Das Placebo als Medikament und Methode der Wahl feiert fröhliche Urstände in der Psychiatrie, die Kasse zahlt’s ja bereitwillig, die Pharmabranche freut sich ebenfalls und lebt davon auch sehr gut noch, und der eigentliche Patient bleibt da meist auf der Strecke.
Ein System, das sich so nett selbst trägt und erhält, Herz, was willst Du da eigentlich noch mehr, so ungefähr geht doch das Perpetuum mobile, die Physiker könnten von diesen Scharlatanen in weißen Kitteln noch viel lernen.
Einer der Größten davon (der Physiker, nicht der Scharlatane) aber, der Albert Einstein, der wußte, daß die menschliche Dummheit unendlich ist, der Glaube an die eigene Allmacht von Pseudo- und Para-Wissenschaften und von deren ProtagonistInnen aber häufig leider ja auch.
Ein weites Feld, sehr grass einmal gesagt.
Pfingstmontag, den 01. Juni 2009 10 Uhr 33 MESZ
Günter Rudolphi
Copyright by “Rasputin” (Günter Rudolphi) 2009
#4 Kommentar vom 01. Juni 2009 um 10:33
Martin Pöttner
Lieber Herr Rudolphi,
ich denke, Ihre Kommentare werden nun möglicherweise etwas vermessen. Aber das Publikum wird sicher daran interessiert sein, wieso die Psychiatrie eine Parawissenschaft usf. ist.
Zur Sache: Jeder Psychiater, jede Psychiaterin muss die Gehirnforschung kennen, weil er/sie die entsprechende Praxis sonst nicht ausüben könnte. Diese könnte ja etwas enthalten, was Psychopathologien erklärt. Dann müsste darauf behandelnd eingegangen werden. Im konkreten Fall ist es so, dass überprüft wird, ob Psychotherapie (Gesprächstherapie, Spieltherapie usf.) sich in einer Veränderung von Gehirnstrukturen niederschlägt. Dies ist der Fall. Demgegenüber steht die im “Manifest der…” niedergelegte angekündigte Medikamententherapie – so steht die Debatte.
#5 Kommentar vom 01. Juni 2009 um 10:45
Rasputin
Nun ja, einiges zum Einlesen für den Anfang schon mal, wunderschön gleich der erste Link:
http://becker-conen.de/Data/taz25.01.99.html
http://www.sgipt.org/gipt/diffpsy/devianz/hochstap/lebbel_hs.htm
http://www.vaeternotruf.de/gutachter.htm
http://www.zentrum-der-gesundheit.de/amoklauf-durch-psychopharmaka-ia.html
http://www.giessener-anzeiger.de/sixcms/detail.php?id=3510656&template=d_artikel_import&_adtag=localnews&_zeitungstitel=1133842&_dpa=
http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/28/0,1872,7008412,00.html?dr=1
http://www.antipsychiatry.org/ge-jenel.htm
usw.usf.etc.pp.
Da könnte ich ja locker noch weitermachen, ich hätte da noch sehr viele andere Links zur Psychiatrie und deren ProtagonistInnen und deren Opfer und dem ganzen Unsinn, der aus dieser Richtung kommt.
Pfingstmontag, den 01. Juni 2009 12 Uhr 05 MESZ
Günter Rudolphi
Copyright by “Rasputin” (Günter Rudolphi) 2009
#6 Kommentar vom 01. Juni 2009 um 12:05
Rasputin
100 weitere Links habe ich da aber mindestens noch parat in meinem Archiv, auch zum Runterladen natürlich, verehrter Herr Pöttner.
Das war ja nur eine kleine Kostprobe für den Anfang, um Appetit zu machen auf mehr.
#7 Kommentar vom 01. Juni 2009 um 12:15
Rasputin
Ich empfehle dem Leser, sich auch einmal schlau zu machen über die SSRI, und auch die sogenannten neueren “atypischen” Neuroleptika, die der große Renner sind in den Praxen der Psychiater und auch das große Geld für die Pharma-Konzerne bringen, die sich dann auch wieder gerne erkenntlich zeigen den Psychiatern gegenüber, die das an den Mann und die Frau bringen, und immer so nette “Fortbildungen” dann spendieren.
Alles läuft da wie gut geölt, oder wie der Mechaniker sagt, wie gut geschmiert.
“Bella machina”, sagt man in Italien dazu.
http://chefarztfrau.de/?tag=bella-machina
http://chefarztfrau.de/?tag=homoopathie
http://www.globulator.com/page1/page1.html
Gewußt wie, wie immer im Leben natürlich.
Pfingstmontag, den 01. Juni 2009 13 Uhr 41 MESZ
Günter Rudolphi
Copyright by “Rasputin” (Günter Rudolphi) 2009
#8 Kommentar vom 01. Juni 2009 um 13:41
Ingo-Wolf Kittel, FA für psychother. Medizin
Die wahrscheinlich gründlichste Kritik der Hirnforschung stammt von einem
Hirnforscher selbst!
In “Philosophical Foundations of Neuroscience” und “History of Cognitive Neuroscience” hat nämlich der hoch angesehene australische Synapsenspezialist Maxwell R. Bennett (in Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit dem englischen Philosophen Peter M.S. Hacker) 2003 und 2008 weitreichende Analysen der Begriffs- und Theoriebildung des Forschungsbereichs vorgelegt, um den es bei “der Hirnforschung” sachlich eigentlich geht: den der Neuro – p h y s i o l o g i e.
Das ist ein nicht sonderlich schwieriges Fach; zusammen mit der “Anatomie des Nervensystems” lernt jeder Medizinstudent die Grundzüge davon bereits im vorklinischen Teil seines Studiums kennen – als Grundlage für die Vorlesungen in Neurologie danach. (Psychiater müssen sich während ihrer Facharztausbildung in diesem Fach sogar praktisch ausbilden!) All diese “Fächer” spielen bloß in der hirnigen Hirndebatte gar keine Rolle. Hier geht es um ganz anderes, nämlich um die strittige I n t e r p r e t a t i o n neurophysiologisch gewonnener Messdaten.
Die Deutung neurophysiologischer Daten, die bei der Erforschung von Wahrnehmungs- und Denkleistungen gewonnen werden, stellt eine Herausforderung dar, deren Komplexität kaum bekannt ist. Schon ihre
Beschreibung ist strittig, wie Bennett & Hacker in ihrem ersten Buch zeigen.
Erst recht steckt die (selbstverständlich auch immer in Sprache stattfindende) Diskussion der Konsequenzen, die aus den sog. “Ergebnissen der Hirnforschung” bis hin zur Erörterung unseres Selbstverständnisses oder Selbstbilds zu ziehen sind, voller Probleme.
Dies hat vor kurzem der Marburger Wissenschaftsphilosoph Peter Janich in seinem Beitrag Nr. 21 zur ‘edition unseld’ des Suhrkamp-Verlags “Kein neues Menschenbild – Zur Sprache der Hirnforschung” gezeigt (nach zahlreichen Hinweisen seit den 1990er Jahren – s. die Angaben ab dem 2. Absatz hier:
http://www.bildungswirt.de/2008/07/25/geist-und-gehirn-denken-auch-mit-der-faz/#comment-60 ).
In seiner Rezension dieses neuesten Werks hat der Regensburger
Jura-Professor Michael Pawlik festgestellt, dass Janich mit diesem Beitrag
“das argumentative Niveau neu definiert (habe), an dem sich alle künftigen
Diskussionsbeiträge messen lassen müssen.” (s. )
http://www.suhrkamp.de/buecher/kein_neues_menschenbild-peter_janich_26021.html
“Phänomenologische” Überlegungen haben dabei bis jetzt keine erkennbare Rolle gespielt, eine ganz entscheidende aber psychologische und psychiatrische Kenntnisse. Ohne sie wüssten Hirnforscher gar nicht, was sie
untersuchen.
Nur wird die primäre Bedeutung von Psychologie und Psychiatrie für die Hirnforschung selbst von Wissenschaftsjournalisten – so sie ihnen überhaupt bekannt sein sollte – öffentlich kaum bekannt gemacht und noch weniger reflektiert. Im Gegenteil: in Verkehrung der Tatsachen sprechen viele von ihnen heute Hirnforscher allenthalben als psychologische Sachverständige an
- wohl wegen der cerebralen Pseudopsychologie, der viele Hirnforscher bei der Beschreibung und Deutung ihrer Forschung frönen. (s. dazu diese Glosse von 2005:
http://www.pabst-publishers.com/Psychologie/psyzeit/v_u_v/2005-2/art_01.htm )
Dass Hirnforscher auch noch schlechte Philosophie treiben, scheint bislang nur Fachleuten wie Prof. Fuchs aufgefallen zu sein. (Janich hat das an Beispiel eines gewichtigen Text des hierzulande vielleicht bekanntesten von ihnen in der Festschrift zum 100-jähr. Jubiläum der Gründung der Frankfurter Wissenschaftlichen Gesellschaft “Beiträge zu einer aktuellen Anthropologie”,
2006 hrsg. von H.-R. Duncker im Steiner-Verlag Stuttgart, auf S. 175-187 demonstriert.)
#9 Kommentar vom 26. Juli 2009 um 01:43
JULIAN
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#10 Trackback vom 10. September 2010 um 13:44
HAROLD
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#11 Trackback vom 11. November 2010 um 17:53