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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


11. Mai 2012

Alles Leben lebt von anderem Leben (EfG Griesheim)

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. (weiterlesen…)

22. März 2012

Die Prozess-Ethik Schleiermachers

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Unsere Begegnung mit der Pflichtenlehre Immanuel Kants blieb strittig. Es gab Versuche, Kants Ethik näher zu verstehen, auch zu verteidigen – ein Kursteilnehmer schlug vor, die Auffassung der Ethik nach dem Auftreten des Manns aus Königsberg folgendermaßen zu unterteilen: Ethik bis Kant – auf Kants Niveau oder hinter Kant zurückgefallen. Andere schienen nicht dieser Überzeugung zu sein, insbesondere nicht von Kants Argument für die Ablehnung der Güterlehre, weil diese nicht vor dem Hang zum Bösen gefeit sei, man hiermit den Neigungen verfallen sei, wenn man ein Gut anstrebe. Das transzendentale Konzept der Subjektivität, welches offenbar hinter Kants Option für die Pflichtenlehre und die entsprechenden kategorischen Imperative steht, leuchtete manchen Teilnehmer/innen nicht recht ein. Allerdings akzeptierten alle, soweit sie sich äußerten,

  • das Prinzip der Universalisierbarkeit von ethischen Maximen, aber auch Kants
  • Akzeptanz der Menschenrechte als Grundlage der Ethik. (weiterlesen…)
1. März 2012

VHS Neckargemünd Ethik II

1              Erinnerung an die erste Sitzung

Der Kurs beschloss, den Kursplan folgendermaßen zu ändern:

1.    Erinnerung an den letzten Kurs (27.02.)
2.    Die Entstehung des Begriffs der „Ethik“ (ἠθικὰ Νικομάχεια, ēthiká Nikomácheia) bei Aristoteles (05.03.)
3.    Moral – Ethik; Güter, Tugenden und Pflichten (Begriffsfestlegungen) (12.03.)
4.    Autonome Ethik (Kant) (19.03.)
5.    Prozess-Ethik (F. D. E. Schleiermacher) (26.03.)
6.    Diskurs-Ethik (Peirce u. a.) (02.04.)
7.    Utilitaristische Ethik (16.04.)
8.    Existenzielle bzw. existenzialistische Ethik (23.04.)
9.    Prinzip Verantwortung – Zukunftsethik (30.04.)
10.  Medizinethik – Public-Health-Ethik (14.05.)

Bitte schlagen Sie beim nächsten Mal Themen für den nächsten Kurs vor, über die beim übernächsten Mal abgestimmt werden kann!

2              Die Entstehung des Begriffs der „Ethik“ bei Aristoteles

Der philosophische Diskurs darüber, was „Ethik“ ist, beginnt in der klassischen Periode der Philosophie in den griechischen Stadtstaaten, insbesondere in Athen. Dieser geht ein langer Diskurs voraus, der insbesondere durch Homer und Hesiod, aber auch andere Poet/inn/en dokumentiert ist. Dabei muss beachtet werden, da diese reflexive philosophische Disziplin „Ethik“ erst mit Aristoteles beginnt. (Vgl. Stephan H. Pfürtner, Ethik in der europäischen Geschichte I, 1988) (weiterlesen…)

25. Januar 2012

Hungerkrise und ökologische Ernährung

Stellt ökologische Ernährung einen Luxus dar, den sich in unserer Gesellschaft nur einige Gutmenschen leisten können – oder bietet diese einen haltbaren Ausweg aus der Krise, dass zurzeit eine Milliarde Menschen hungern? Der Vortrag in La casa verde am 10.02., ab 20 Uhr, in einem schönen Ambiente mit guten Speisen und Weinen, handelt von einem ernsten Thema der individuellen Lebensführung, welche ethisch selbstbestimmt sein will.

18. Januar 2012

In eigener Sache

 

Ich habe seit Juli gelegentlich an dieser Stelle über mich selbst geschrieben und meine Leser/innen und Kund/innen über meinen Werdegang nach meinem Schlaganfall am 11.04.2011 informiert. Dies war ein deutlicher Einschnitt in meinem Leben, ich habe wie ein Kleinkind erst Krabbeln und dann ganz langsam Laufen gelernt. Neben der Begleitung in der Kopfklinik und den Schmieder-Kliniken (Heidelberg) habe ich schon bald versucht, Kontakt zu Osteopath/inn/en zu suchen. Zum Einen, weil ich in der Fertigstellung der Übersetzung von Margaret Sorrels Buch über Charlotte Weaver durch den Schlaganfall unterbrochen wurde. Hier traf ich auf großes Entgegenkommen. Da meine Genesung noch fortdauert, wird die Fertigstellung bis Ende Februar andauern – aber das Ende ist in Sicht. Zum Anderen, weil ich aufgrund meiner Beschäftigung vor allem mit Still und Littlejohn durchaus zu den Kennern der „klassischen Osteopathie“ zähle, erhoffte ich mir von Osteopathenseite wesentliche Unterstützung beim Rehabilitations- und Genesungsprozess. Denn die recht verstandene Osteopathie ist eine (auch pragmatistisch inspirierte) Theorie der Nervensysteme, welche diese zu beeinflussen unternimmt. Diese Hoffnung hat nicht getrogen, drei Behandlungen führten zu Anstößen für teils dramatische Verbesserungen. Sodass ich jetzt begründet hoffen kann, dass ich im Frühsommer 2012 wieder zu einem Menschen werde, der jenem stark ähnelt, welcher glaubte, im März 2011 am bisherigen Höhepunkt seines Lebens angekommen zu sein. Dies wurde am 11.04.2011 als wahrscheinliche Illusion entlarvt, zumal mir am Abend dieses Tages in der Kopfklinik deutlich wurde, dass meine Frau sich mit hoher Wahrscheinlichkeit scheiden lassen werde. Diese Abduktion traf zu, obgleich ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe.
Das führte im November 2011 zu einer starken Identitätskrise, die bis Mitte Januar anhielt. Seit einigen Tagen hat sich aber meine Wahrnehmung aufgehellt. Teilweise habe ich wieder ein normales Körpergefühl. Die Zeiten als disembodied spirit scheinen der Vergangenheit anzugehören. Mein Tageslauf ist mir wieder zugänglich, ich kehre zu selbstbestimmten Formen des Lebens zurück. Aber es hat erheblich länger gedauert, als ich im Mai/Juni 2011 selbst erwartet hatte.
Am 11. März 2011 wurde auch für weniger ambitioniert denkende Menschen deutlich, dass diejenigen seit Peirce und Russel Wallace, welche auf die möglicherweise desaströsen Rückkopplungsprozesse des technisch-wirtschaftlich-wissenschaftlichen Komplexes verwiesen hatten, im Recht waren. Wie Peirce wohl spätestens 1904 gezeigt hat, ist die Ethik der Logik wissenschaftssystematisch vorzuordnen. Dieser Gedanke beruht u. a. auf Ideen des  „Amerikanischen Transzendentalismus“, welcher die amerikanische Romantik darstellt. Und ohne diese ist auch die Osteopathie Stills nicht möglich gewesen. Ich werde diesen Zusammenhang hier Mitte Februar ausführlich darstellen. Mithin wird sich zeigen, warum Philosophie der Osteopathie so wichtig ist – und heute wieder Zukunft hat.

17. Januar 2012

Grenzerfahrungen in der Religion bezeichnen

Mk 5,35-43 ist im Mkev einer derjenigen Texte, der darüber kommuniziert, wie über die Grenzerfahrungen der Religion zu kommunizieren ist. Natürlich aus christlicher Perspektive, aber es gilt allgemein:

„Und was ist Religion? Sie ist eine Art Gefühlsregung in jedem einzelnen Menschen, oder auch: eine verborgene Wahrnehmung – eine tiefe Erkenntnis von etwas im uns umgebenden All; und wenn wir versuchen, diesem Gefühl Ausdruck zu geben, so wird es sich in mehr oder weniger extravagante Formen kleiden, und als mehr oder wenig zufällig erscheinen, immer aber wird es sich zu einem Ersten und Letzten, dem A und Ω, bekennen und in derselben Weise auf jenes Absolute bezogen sein, dem das individuelle Selbst eines Menschen als relatives Sein gegenübersteht. Doch Religion ist in ihrer Totalität nicht auf das einzelne Individuum beschränkt. Wie jede Gestalt von Realität ist sie wesentlich eine soziale und öffentliche Angelegenheit. Sie besteht in der Idee einer umfassenden Kirche, in der sich alle ihre Glieder zu einer organischen, systematischen Wahrnehmung der Ehre des Höchsten verbinden – einer Idee, die von Generation zu Generation wächst und einen Vorrang in den Entscheidungen über unser Verhalten, das private wie das öffentliche, beansprucht“. (RPh, 208f)

Entscheidend ist hierbei der Doppelsinn für „schlafen“, der offensiv offen gelegt und irritierend mit „scheintot“ konfrontiert wird. Dies ist im antiken Kontext seit Dan 12,1f bekannt. Seit dem AT wird über die Überwindung des Todes bildlich, metaphorisch bzw. symbolisch gesprochen.
Wir haben uns entschlossen, diesen Punkt an 1. Mose 1,26f exemplarisch zu diskutieren. Als weiteres offenes Problem kam die Pantheismusfrage hinzu.

14. Dezember 2011

Die Religionsphilosophie Peirce’

 

Wir haben uns in der letzten Sitzung mit den Problemen der Wahrnehmung aus phänomenologischer Perspektive, aber auch entsprechenden Leistungen des Zeichenbegriffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meissner dankenswerterweise auf Kants merkwürdige Annahme hinwies, man werde vom „Ding an sich“ affiziert.

In der Auseinandersetzung mit Merleau-Ponty und Fuchs wurde erörtert, inwiefern Wahrnehmung auch Kommunikation oder Austausch sei, was von Peirce und dieser grenzwertigen Auffassung Kants tatsächlich unterstellt wird. In der Sprache von Peirce ist also zu sagen, das (dynamische) Objekt bilde mit dem Zeichen eine derartige Beziehung, dass es den Interpretanten bestimme, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst stehe. M. E. ist hier nur fraglich, ob man the same wie Pape mit „derselben“ oder „der gleichen“ übersetzen sollte, wohl das Letztere … Worauf es ankommt, ist der Sachverhalt, dass Peirce diese Affizierung des Interpreten über die triadische Bezeichnungsrelation eindeutig gedacht hat.

Wir haben versucht, uns ausführlicher mit dem Gedanken der „Zwischenleiblichkeit“ auseinanderzusetzen, was z. T. humorig ablief. Hier ist m. E. noch ein beachtliches Potenzial, das vor allem von der Phänomenologie entwickelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besinnung zur Religionsphilosphie Peirce’. Viele Texte finden sich in der Übersetzung Hermann Deusers „Religionsphilosophischen Schriften“ ([RPh] 1995). Hinzutreten muss noch der Aufsatz „Evolutionäre Liebe“ aus „Naturordnung und Zeichenprozess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu denjenigen originellen Denkern, die sich nicht vom Positivismus abschrecken ließen, obgleich er die wissenschaftliche Leistung der Positivisten ausdrücklich anerkannte. Aber er formulierte eine witzige Polemik über deren Lebensauffassung:

„Das Leben auf dem Globus ist eine gänzlich zufällige Enwicklungsphase, die, soweit wir wissen, keinem dauerhaften Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nutzen, außer dass sie hin und wieder ein angenehmes Nervenkitzeln bei diesem oder jenem Wanderer auf dieser ermüdenden und zwecklosen Reise hervorruft – einer Reise, die in einer Tretmühle nirgendwo beginnt und nirgendwo endet und deren Maschinerie ganz und gar nichts hervorbringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gelegentlichen Freuden, und die sind trügerisch und werden bald vollständig verschwinden.“ (RPh 61f [1867/68]) (weiterlesen…)

8. Dezember 2011

Pragmatismus und Phänomenologie

Wir haben noch einmal in einer sehr intensiven Diskussion das Relationenproblem und die damit verbundenen Kritiken und teilweise großen Hoffnungen thematisiert, durchaus anregend kontrovers. Von dieser Stimmung war auch die Debatte zu „Wahrnehmung“ und „Erfahrung“ geprägt. Herr Dethlefsen vermisste an meinen Vorschlägen das Moment der Kreativität bei der Erfahrung, ich stelle in den Vordergrund, dass etwas auch als Neues für eine bestimmte Menschengruppe nur erfahren werden kann, wenn es mit eigenen Erfahrungen oder Erfahrungen anderer vor dem Hintergrund geteilter Zeichensysteme verglichen werden kann. Daher existiert das Problem des Neologismus, also der Bezeichnung von etwas, das bisher im Sprachsystem oder in bildlichen Darstellungsweisen noch keine Repräsentation gefunden hat. Dieses Problem wurde sehr sachgerecht erörtert, wobei deutlich wurde, dass die Induktion, die stets in der Zukunft neu bewährt werden muss, der dominante Schlusscharakter der Erfahrung ist.

Peirce rechnet systematisch damit, dass auch Wahrnehmung ein genuin triadischer Zeichenprozess ist. Mithin ist er kein infallibler Ausgangspunkt, was besonders Bertrand Russell irritierte. Wahrnehmung impliziert mithin also Interpretation – sie ist kein absoluter Ausgangspunkt, weil jedes Zeichen schon Interpretant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahrhunderts sah den anscheinenden Erfolg der Wissenschaften, aber eine Minderheit sah, dass dieser Erfolg, der industrielle Konsequenzen hatte, offensichtlich fatale Rückkopplungsprozesse haben könnte, so u. a. der Biologe Russell Wallace. Wir haben in diesem Kurs die Reaktion Peirce’ auf diese Kriseneinsichten in der „Pragmatischen Maxime“ ausführlich besprochen. Die Mehrheit hoffte entweder auf eine Humanisierung des Kapitalismus oder wandte sich sozialistischen Theorien zu, um den Kapitalismus abszuschaffen. In beiden Bewegungen war aber der Glaube an die Kompetenz der Wissenschaften, die sich in wirtschaftlichem Fortschritt niederschlage. Das ist der Hintergrund dafür, dass es eher wissenschaftszentrierte und stärker alltags- oder lebensweltorientierte Philosophien gab. Zu Grundinformationen zur Phänomenologie in der Folge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebenswelt-Begriff ist übrigens erst in der Spätphilosophie Husserls in dieser Zuspitzung entwickelt worden. Dort wird eine Art unmittelbarer Zugang zur Wirklichkeit postuliert, der durch die Wissenschaften verstellt werde. Zu den „Sachen selbst“ komme man im lebensweltlichen Umgang mit den Sachverhalten, indem man sie „sein lasse“, wie Heidegger formulierte, dessen praxisphilosophischen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in seiner Schrift über „Die Krisis der europäischen Wissenschaften“ stärker intellektualistisch reformulierte. Die Lebenswelt und deren praktischer Umgang mit den Sachverhalten werde „mathematisiert“ und damit verstellt bzw. entstellt. Heidegger sieht seit Mitte der 1930er Jahre vor allem den technischen Umgang mit den Sachverhalten hinter dem „Begreifen“ durch die Wissenschaften. Es ist schon lange gesehen worden, dass der praxisphilosophische Ansatz Heideggers in „Sein und Zeit“ zumindest Parallelen zum klassischen Pragmatismus aufweist. Das gilt im Allgemeinen für die Phänomenologie insgesamt, da diese wie Peirce u. a. das angebliche Subjekt-Objekt-Problem als irrig ansieht, der praxisphilosphische Ansatz Heideggers zeigt dies, wie dies auch bewusstseinsphilosophisch bei Husserl und Sartre zu zeigen versucht wurde. Der und das Andere sind im Bewusstsein schon „intentional“ mitgesetzt, man muss also hier keinen Sprung vollziehen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Subjektivität und Personalität wohl am ehesten gelungen, weil Personen als diejenige Entität verstanden wird, die sich zu sich selbst und zu anderem verhält, wobei sie stets Stellung zu sich nimmt – und darüber entscheidet, ob sie weiterleben will. Hier wird keine substanzontologische Philosophie des Subjekts vertreten, was in den transzendentalphilosophischen Versuchen Husserls wohl eher der Fall sein dürfte, also die Bewusstseinsprozesse finden am oder im transzendentalen Subjekt statt – dies kann mit den pragmatistischen Überlegungen nicht mithalten, die den Prozess der Subjektivität zu erfassen suchen. Wobei Heideggers Ansatz ganz gewiss so nicht zu verstehen ist …

Das ist dann existenzialistisch weiterentwickelt worden. Eine interessante Entwicklung innerhalb der Phänomenologie stellt die Wahrnehmungsphilosophie Maurice Merleau-Pontys dar. Sie wird stark von Thomas Fuchs aufgenommen – und hat nicht zuletzt im therapeutischen, auch medizinischen Bereich starke Resonanz gefunden, wobei er betont, dass Wesentliches an der Wahrnehmung mittels des Subjekt-Objekt-Schemas nicht erklärt werden könne. D. h., er unterstellt ähnlich wie Peirce, dass Wahrnehmung kein absoluter Ausgangspunkt ist, sondern ein Beziehungsgeschehen, was Peirce detailliert und nicht ganz einfach nachzuweisen sucht. Therapeutisch ist vor allem Merleau-Pontys Konzept der Zwischenleiblichkeit wichtig, als ein interpersonales Medium, das Personen verbindet. Hier liegt eine Parallele zu den Interaktionstheorien der Pragmatisten vor, aber Merleau-Ponty ist hier originell darin, dass eine Sphäre der sinnlich vermittelten Leiblichkeit besteht, die einen Austausch zulässt. Fuchs hat vor diesem Hintergrund das Entstehen von Selbstbewusstsein bei etwa acht Monate alten Kindern erklärt. Dieser Gedanke ist Peirce nicht fremd, schon die frühe Philosophie formuliert durchaus Vergleichbares – aber er kommt nach meinem Urteil zu nichts Konkretem. M. E. bieten sich in der Leiblichkeitsauffassung und der Wahrnehmungsphilosphie noch Chancen wechselseitgeen Lernens.

26. November 2011

Wahrnehmung und Erfahrung (Vhs Neckargemünd)

Die Teilnehmer/innen waren uneins darüber, ob den Erwägungen Peirce’ zu den kategorialen Umbesetzungen hin zur fundamentalen Funktion der Relation eine Bedeutung zukäme. Peirce folgt Aristoteles, Humboldt und Schleiermacher in der Einschätzung, dass die Philosophie sprachabhängig ist. Mit Schleiermacher und stärker als dieser betont er aber die Bedeutung aller Zeichenformen, um Kategorien ausbilden zu können. Dies ist eine Konsequenz aus der Annahme, alle Menschen philosophierten. Peirce ist entsprechend der Nachweis gelungen, dass die elementaren Zeichensysteme die Bezeichnung der Relation derart unterstellen, dass alle anderen kategorialen Bestimmungen von ihr abhängen. Etwa Heidegger und Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes, hier im Blog z. B. http://alltagundphilosophie.com/2010/12/09/zinsen/ u. ö. ahnen, dass das moderne Dilemma sich durch eine derartige Umbesetzung, die praxisleitend wird, ändern könnte, bei Brodbeck mit expliziter Nennung des Relationsproblems. Wie Görnitz/Görnitz, Die Evolution des Geistigen, 2007, zeigen, ist auch die Quantenphysik als wesentliche Theorie dessen, was die Bestandteile und Prozesse der Realität sein könnten, hierzu auf dem Wege. Für den Beobachter interessant näherte sich der Kurs dennoch in seinen Erörterungen fast unmerklich der im Alltag und in der oft unzureichend verstandenen bzw. reflektierten Umgangssprache implizieren Unendlichkeitsproblematik, der Selbstreferenzproblematik vor allem des Interpretanten, entsprechender Aufgabe falscher Sicherheiten und demjenigen, was Schleiermacher freundlich als „Übereilung“, Peirce als nicht „selbstkontrolliertes Denken“ bezeichnete, heute vor allem durch finanziell erzeugte Zeitnot angeblich unvermeidbar … Ob das nicht zu ändern ist, blieb nach Wahrnehmung des Dozenten eher unentschieden. Es ist auch nach meiner Überzeugung so, dass die Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts jedenfalls auch auf einen entsprechenden Mangel an „selbstkontrolliertem Denken“ zurückgehen, der zur alltäglichen Gewohnheit geworden ist, vgl. http://alltagundphilosophie.com/2011/11/03/die-semiotik-charles-peirce%E2%80%99-vhs-neckargemund/.

Das heutige Thema der (sinnlichen) Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung in der Erfahrung ist seit gut 100 Jahren erforscht und umstritten, natürlich auch unter Beteiligung der semiotischen Philosophie von Peirce, der beides als aufeinander aufbauende Zeichenprozesse analysiert hat, wobei er Wert darauf legt, dass es sich um „geistige“, „selbstkontrollierte“ und „selbstkritische“ Leistungen des einzelnen Menschen handelt, die perspektivisch ist – und daher auf Austausch mit anderen Menschen angewiesen ist. Auch Tiere haben bei Peirce – ähnlich wie bei von Uexküll – zumindest elementar Teil an solchen selbstkritischen Fähigkeiten.

 

Wahrnehmung:    Ich/Wir nehmen etwas als etwas wahr.

Erfahrung:           Ich/Wir erfahre/n etwas Wahrgenommenes als etwas Bekanntes.

 

Kreative Prozesse sind dann nötig, wenn etwas zum ersten Mal wahrgenommen wird, aber auch erfahren wird. Hier sind Formen der sozialen Gemeinschaft hilfreich, können aber auch störend sein, wenn relativ zu einer sozialen Gemeinschaft ein einzelner Mensch etwas neu sieht, hört, riecht, tastet, schmeckt oder empfindet. Peirce zufolge wird dabei stets ein genuin triadischer Zeichenprozess gestartet, der sicherstellt, dass immer auch ein sinnlich erfasstes Etwas als etwas interpretiert wird. Solche sinnliche Wahrnehmung kann tendenziell das wahrgenommene Etwas vereinzeln. Der Erfahrungsprozess bezieht es auf die Erfahrungstradition und bestimmt es in seinem Beziehungsaspekt zu allem Anderen. Die Prozesse der sinnlichen Wahrnehmung werden teilweise von den empirischen Wissenschaften wie Neurologie und Psychologie erforscht, gehaltvoll und integrativ wird das aber erst dann, wenn man den gesamten Zusammenhang beschreiben kann. Nach Peirce ist das dann der Fall, sofern man die einzelnen Aspekte des Prozesses als Zeichenprozess analysieren kann.

Die allgemeinen Probleme, die auch nicht selten in unserem Kurs thematisiert werden, fasse ich folgendermaßen zusammen:

Seit die empirischen Wissenschaften im Abendland und dann auch in Nordamerika starke Erkenntnisfortschritte gemacht haben, tritt ein Problem auf, das sich insbesondere seit der Verwendung des Teleskops in der Astronomie geltend gemacht hat: Unsere sinnliche Wahrnehmung scheint uns über die Realität zu täuschen, die Sonne geht am Morgen nicht auf, weder die Erde noch die Sonne sind auch nur im Entferntesten im Zentrum des Weltalls. Und ebenso scheinen uns unsere Selbstbeobachtungen, unsere Alltagswahrnehmung und Alltagserfahrung im Blick auf unsere Selbsteinschätzung zu täuschen. Wir erleben uns selbst zumindest gelegentlich als selbstbestimmt handelnde Personen, doch das ist eine Illusion – wie seit der Aufklärung manche Wissenschaftler/innen behaupten. Das ist nur eine Seite der Aufklärung, aber sie ist nicht ganz unerheblich. Die Wissenschaftsseite ist hierbei im Übrigen keineswegs eindeutig. In der Zeit von etwa 1700 bis 1900 herrschte durch die Dominanz der klassischen Physik auch im naturwissenschaftlichen Denken ein strenger Determinismus vor. Dieser wurde aber vonseiten der Biologie durch Charles Darwin durchbrochen, weil ihm zufolge das Zufallsmoment bei der Entstehung der Arten mitwirkte. Entscheidend wurden die Naturwissenschaften dann durch die Quantenphysik verändert, die keine eindeutig deterministischen Beschreibungen mehr zulässt.[1] Die Kulturwissenschaften haben in der Regel keinen Anlass gehabt, strenge deterministische Unterstellungen in den Vordergrund zu stellen. Häufig ist hier die Unterstellung der Freiheit zu Hause.[2]

Ich werde zunächst aus einer philosophischen Perspektive kurz die Grundtypen der möglichen Erfassung des Verhältnisses von Alltagserfahrung und Selbsterfahrung auf der einen Seite, von wissenschaftlichen Theorien auf der anderen Seite beleuchten.

Die Philosophie in unserer Weltgegend und in Nordamerika hat angesichts dieses immer wiederkehrenden Problems im Wesentlichen vier Typen des Umgangs damit entwickelt, die in sehr vielen Spielarten auftreten (vgl. Grafik 4 des Kurses):

 

Grafik 4 des Kurses

Grafik 4 des Kurses

An den Extremen stehen die Positionen, die eines der beiden Elemente des Problems „Alltagserfahrung“ und „Wissenschaft“ zuungunsten des anderen eliminieren wollen. Man kann vertreten, nur die Alltagserfahrung im Unterschied zur Wissenschaft gibt uns einen sicheren Einblick in die Realität – und umgekehrt. Entsprechend gibt es Philosophien, die sich faktisch mit den Fragestellungen der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften identifizieren – und diese logisch-theoretisch reflektieren. Dies ist der Wissenschaftstypus der Philosophie, wie er in einigen Positionen der Analytischen Philosophie, in der positivistischen und neopositivistischen Philosophie auftritt.[3] Auch die frühe Philosophie Ludwig Wittgensteins gehört tendenziell dazu. Scharf gegenüber stehen dieser Position die verschiedenen Spielarten der phänomenologischen bzw. hermeneutischen Philosophie, die der Alltagserfahrung eine eigene Würde zugestehen. Das ist der Alltagstypus der Philosophie. Auch die Spätphilosophie Ludwig Wittgensteins tendiert in diese Richtung – mit einer durchaus beachtlichen Kritik an Formen des Wissenschaftsimperialismus. Das kann soweit führen, dass die Wissenschaften aus dieser Perspektive in ihrer Praxis scharf kritisiert werden, weil ihre Ergebnisse die Alltagserfahrung, überhaupt die Phänomene verfehlen. Im Hintergrund stehen hier nicht selten wissenschaftliche und philosophische Rezeptionen von Reflexionen künstlerisch-philosophischer Art – etwa von Johann Wolfgang von Goethe[4] und/oder von Ralph Waldo Emerson[5].

Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine Reihe von Philosophen, die beide Positionen für zu extrem hielten. Sie suchten also Vermittlungspositionen, in denen beide Aspekte vorkommen. Dies ist zum einen die neukantianische Philosophie, welche die Sittlichkeit und das Bewusstsein aus dem Zugriff der empirischen Wissenschaften heraushalten wollte. Das Hauptargument besteht darin, dass die Bewusstseinsebene elementarer angesiedelt ist als die wissenschaftliche Ebene. Das Bewusstsein und seine transzendentalen Strukturen begründen die Wissenschaften überhaupt erst, weil ja Bewusstsein zur Durchführung wissenschaftlicher Tätigkeiten erforderlich ist. Man kann also ein sittlicher Mensch sein und trotzdem ein richtig empirisch vorgehender Wissenschaftler. Zum anderen ist dies aber vor allem die semiotische Philosophie von Charles Peirce, die mit den Phänomenologen überzeugt ist, dass der Alltagserfahrung eine große Würde zuzuschreiben ist. In ihr sind alle allgemeinen Strukturen unserer Wirklichkeitserfahrung enthalten. Gleichwohl ist es nicht unmöglich, dass wir uns in unserer Alltagserfahrung täuschen, auch in der Erfassung ihrer allgemeinen Strukturen. Denn alle allgemeinen Annahmen müssen sich immer weiter in der Erfahrung – auch der Erfahrung anderer – bewähren. Und dazu gehören auch die wissenschaftlich aufbereiteten Erfahrungen. Dabei ist festzuhalten, dass die beiden Hauptschlussformen in der Alltagserfahrung und den Wissenschaften die Abduktion bzw. Hypothese und die Induktion sind. Auch relativ stabile Induktionen müssen in der Zukunft stets weiter in der Erfahrung überprüft werden. Peirce’ Philosophie wehrt daher sowohl dem Fundamentalismus der Alltagserfahrung als auch demjenigen der Wissenschaften, es kommt auf die kritische Überprüfung in der Erfahrung an. Gegen die Neukantianer kann eingewendet werden, dass sich auch das Bewusstsein aller Wahrscheinlichkeit nach erst in der Evolution der biotischen Arten entwickelt hat, daher als Letztbegründungsmuster schwerlich tauglich ist.

 

 


[1] Vgl. die Einführung durch T. Görnitz, Quanten sind anders. Die verborgene Einheit der Welt, Heidelberg/Berlin 1999.

[2] Zu entgegengesetzten Tendenzen in den Wirtschaftswissenschaften, die mit entsprechenden Verlusten wissenschaftlicher Genauigkeit und Prognosefähigkeit einhergehen, vgl. K.-H. Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaften, Darmstadt 22000. Ähnliches tritt auch in manchen Konzeptionen der Soziologie auf.

[3] Vgl. als Beispiel im Blick auf die aktuelle Diskussion T. Metzinger, Vorwort, in: ders. (Hg.), Bewusstsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie, Paderborn 52005: „In Westdeutschland [...] haben nach dem Zweiten Weltkrieg viele verschiedene Formen des Philosophierens, bei denen die Standards der begrifflichen Klarheit und der rationalen Argumentation nicht mehr im Mittelpunkt stehen, einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Nach wie vor herrscht in weiten Teilen der akademischen Philosophie ein Ressintement gegenüber den empirischen Wissenschaften, das nicht selten von einem generellen Desinteresse an interdisziplinären Dialogen begleitet wird.“

[4] Vgl. Naturwissenschaftliche Schriften, in: Goethe Werke (Jubiläumsausgabe), Bd. 6, Darmstadt 1998, 631ff.

[5] Vgl. insbesondere Die Natur. Ausgewählte Essays, Stuttgart 2000.

19. November 2011

Peirce’ relationale Begriffstheorie

Wir haben uns in der Sitzung am 07.11. dem erkennntnis- und wissenschaftsbezogenen Aspekt der Semiotik Peirce’ zugewandt. Dabei besprachen wir Peirce’ genuin triadische Berzeichnungsrelation (vgl. Grafik 1 dieses Kurses). Diese ist schon bald von Morris in drei zweistellige Relationen aufgelöst worden, was nach Peirce aber nicht sein darf, weil dann Unendlichkeits- und Selbstbezüglichkeitsfragen leicht übersehen werden. Wichtig ist:

Die genuin triadische Relation schließt aus, dass es ein ernstzunehmendes Subjekt-Objekt-Problem gibt, weil Erkenntnisgegenstand, Erkennen und Erkenntnnissubjekt verbunden sind – ein Punkt, den Peirce mit Whitehead, aber auch mit den Phänomologen teilt. Ein sehr wichtiger Aspekt ist derjenige der Universalität der Semiotik, die er mit Jakob von Uexküll teilt – und dies hat u. a. zu bestimmten Formen der Psychosomatik und der Disziplin der Biosemiotik geführt. Wir haben uns der Intention Peirce’ folgend, anhand der Resistenz gegenüber Antibiotika den sogenannten „geistigen“ Aspekt im Universum jenseits des Menschen deutlich gemacht. „Geist“ hängt Peirce zufolge von „Zeichen“, aber nicht notwendig von „Bewusstsein“ ab:

„Ich verwende Geist als ein Synonym für Darstellung; und man beachte, dass dieser Geist nicht der Geist ist, mit dem sich die Psychologen beschäftigen, wenn sie sich überhaupt mit irgendetwas Geistigem beschäftigen. Ich glaube, dass sie hauptsächlich vom Bewusstsein, im Sinne der ersten Kategorie, und über hypothetische Formationen im Gehirn reden.“ (Charles Sanders Peirce, Phänomen und Logik der Zeichen, 170)

Mithin ist die Semiotik eine Parallele zur sogenannten „Psychologismuskritik“ Wittgensteins und Husserls, überschreitet aber deutlich den anthropologischen Horizont beider:

„Von den uns allen vertrauten drei Universen der Erfahrung umfasst das erste alle bloßen Ideen, diese luftigen Nichtse, die in der geistigen Welt von Dichtern, reinen Mathematikern oder anderen ihren Namen finden können.

Gerade ihre luftige Nichtigkeit, die Tatsache, dass ihr Sein in ihrer Bereitschaft besteht, gedacht zu werden, und nicht darin, dass irgendeiner sie wirklich denkt, sichert ihre Realität.

Das zweite Universum ist dasjenige der rohen Wirklichkeit von Dingen und Tatsachen. Ich bin überzeugt, dass ihr Sein aus Reaktionen auf rohe Kräfte besteht, und das ungeachtet der Einwände, die nur solange schrecken, bis sie wirklich genau überprüft wurden.

Das dritte Universum umfasst alles, dessen Sein darin besteht, zwischen verschiedenen Objekten durch aktive Kräfte Verbindungen herzustellen, und das besonders zwischen objekten in verschiedenen Universen. Dies trifft auf alles zu, was wesentlich ein Zeichen ist – und nicht auf den bloßen Körper eines Zeichens, für den dies eigentlich nicht gilt, sondern, wenn man so sagen darf, auf die Seele des Zeichens, dessen Sein in seiner Kraft liegt, zwischen seinem Objekt und einer geistigen Instanz zu vermitteln. In gleicher Weise verhalten sich ein lebendiges Bewusstsein, das Leben und die Wachstumskraft einer Pflanze; und ebenso eine lebendige Institution – eine Tageszeitung, ein großes Glück, eine soziale ‚Bewegung‘.“ (Religionsphilosophische Schriften 1995, 330f)

Einzelbeispiele finden sich viele in „Naturordnung und Zeichenprozess“, Anwendungen, Ergänzungen und Weiterführungen bei Jesper Hoffmeyer, Biosemiotics, 2005. Wie von Uexküll stand Peirce mithin in der Wirkungsgeschichte der Romantik, wobei offenkundig ein direkter Einfluss von Emerson auf seine Semiotik vorliegt. Man darf Peirce nicht missverstehen. Er leugnet die Welt des Mechanismus nicht, aber es handelt sich um ein Universum der rohen Kräfte. Einer der Fehler der „modernen Welt“ sei es, alles auf dieses Universum zu reduzieren, wofür ihm Herbert Spencer als Beleg gilt. Ähnlich ist seine Kritik an Darwin gelagert. Wir sahen schon bei Bauer u. a., dass seine Kritik heutzutage auch empirisch-wissenschaftlich starken Widerhall findet.

Wir versuchen sowohl diese Zusammenhangsauffassung zu vertiefen und zu verstehen, weshalb genuin triadische Relationen so wichtig sind:

Zunächst ist darauf zu bestehen, dass Ausdrücke wie „Bezeichnung“ konse­quent als Bezeich­nung von Relationen zu begreifen sind, die Aspekte ihrer Relata und/oder diese als sie selbst konstituieren. Relationen werden in vielen natürlichen Spra­chen durch prädikativ verwendete n-adige („ein“- bzw. „mehrstellige“) Substantive und Verben im syntaktischen Zusammenspiel mit Präpositionen und Kasus darge­stellt[1]. Solche prädikativen Darstellungen von Relationen können als Relative bez­eichnet werden. So ist der Ausdruck „Tochter“ syntaktisch in der deutschen Sprache als dyadisches Substantiv bzw. Relativ zu betrachten: „Jemand“ ist Tochter von „jemandem“.

Das deutsche Verb „geben“ hat die syntaktische Struktur: „Jemand“ gibt „etwas“ an „jemanden“. „Geben“ ist syntaktisch folglich ein triadisch strukturiertes Verb oder Relativ. Dieses Verb erzeugt syntaktisch „offene Stellen“, die hier durch die Platzhalter „jemand“, „etwas“ und „jemanden“ bezeichnet wurden. Diese Platz­halter lassen sich weiter sprachlich präzisieren. So impliziert „geben“ immer die Bezeichnung einer Instanz, die gibt: „Gebende/s/r“ [1]. Diese Instanz gibt etwas: „Gabe“ [2]. Von „geben“ ist schließlich nur dann vollständig die Rede, wenn die Adresse dieses Geschehens genannt ist: „Empfangende/s/r“ [3]. Eine semiotisch gehaltvolle, an der Syntax von Propositionen orientierte lexikalische Eintragung des Verbs „geben“ müsste dies berücksichtigen (cf. Grafik 3).

Grafik 3: Ikonische Repräsentation der Struktur von Propositionen
durch das Prädikat

eGenuin triadisch Gebensrelation (Grafik 3 des Kurses)

 

Das Relativ „geben“ ist betont durch Färbung dargestellt, um seine Priorität vor den durch es erzeugten Relativen zu bezeichnen.

Dann zeigt sich, dass das Prädikat in der deutschen Sprache durch Erzeugung von „offenen“ Stellen bzw. „Platzhaltern“ ikonisch, d. h. in diesem Fall durch gemeinsame strukturelle Eigenschaften, die Struktur von Propositionen repräsentiert. Gleiches gilt auch für die altgriechische Sprache. In Peirce’ relationenlogischer Terminologie lassen sich auch die „Platzhalter“ oder „offenen Stellen“ wieder als Relative begreifen. So kann die offene Stelle „Gebende/s/r“ beschrieben werden: „Gebende/s/r sein von ‘etwas’ an ‘jemanden’“. „Gabe“ bezeichnet: „Gabe sein von ‘jemandem’ an ‘jemanden’“, während „Empfangende/s/r“ eine Kurzformel ist für: „Empfangende/s/r sein von ‘etwas’ durch ‘jemanden’“.

Auf dieser Basis ist auch Peirce’ Behauptung zu verstehen, das Prädikat eines Satzes sei sein Interpretant[2]. Die ikonische Darstellung der Struktur von Propositionen durch die Struktur des Prädikates ist als Selbstreferenz von Propositionen zu begrei­fen. Peirce’ These trifft z. B. für die altgriechische und deutsche Sprache zu.

Die durch Indices wie Artikel, Namen, Verbalmorpheme und Pronomen sowie mittels Konjunktion durch weitere Prädikate bezeichneten Relata sind aus se­miotischer Perspektive also sekundär, weil die grammatische Struktur der durch n-adige Substantive und Verben repräsentierten Prädikate „offene Stellen“ erzeugt, in die Indices (Subjekte, Objekte) und Prädikate (als Bezeichnungen von Relationen, die als Relata fungieren) eingesetzt werden können.

Eine an der Syntax von Propositionen orientierte Analyse erkennt als deren relativ primäres Zen­trum also die Prädikate, nicht die „Subjekte“ oder „Objekte“. M. E. legt es sich sehr nahe, diese gramma­tische Struktur von Propositionen mit Peirce’ Relationenlogik realistisch zu deuten. – Diese These bricht mit dem aristotelischen Konzept der Satzlogik, das Aristoteles zudem metaphysisch interpretierte. Noch entscheidender dürfte freilich sein, dass damit auch die These widerlegt ist, die Substanzmetaphysik beruhe auf der „Subjekt-Prädikat-Struktur“ abendländischer Sprachen (vgl. dazu Maria-Sibylla Lotter, Die metaphysische Kritik des Subjekts. Eine Untersuchung von Whiteheads univer­salisierter Sozialontologie, 1996 [Studien und Materialien zur Geschichte der Philosophie 43x), 108ff). Stattdessen hat sie sich aufgrund einer falschen Auffassung dieser Sprachen ausgebildet.

 


[1] Ich schließe mich der relationenlogischen Position von Peirce Semiotische Schriften I, 269ff, an.

[2] Cf. Peirce (Apel-Ausgabe), 511.